3. Dezember 2018
Anastasia Bergstern

Wer genau hinschaut auf den Weihnachtsmärkten, der sieht, dass von besinnlicher Stimmung und vorweihnachtlicher Atmosphäre nicht viel zu sehen ist, sondern es reihen sich Bude an Bude, es wird der größte „Ramsch“ wie auf jedem Wochen- oder Flohmarkt verkauft und ansonsten findet man Glühweinstände, Pommesbuden und Bratwurststände. Aber eben alles ohne weihnachtliches Flair, meistens auch ohne Niveau – es geht darum, den Leuten möglichst viel ihres Weihnachtsgeldes aus den Taschen zu ziehen.

Nein, die gute alte Zeit kann man nicht mehr zurückholen, aber eines scheint gewiss: Früher, in den 60 und 70er Jahren gab es bestimmt mehr Sinnlichkeit, mehr weihnachtsähnliche Atmosphäre. Verglichen mit diesem Trubel, der heute auf sogenannten Weihnachtmärkten herrscht, mit Kommerz an jeder Ecke und Buden, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Weihnachtsgedanken zu tun haben. Man könnte meinen, für die Besucher wäre es wichtig, dass hauptsächlich Glühweinbuden und ähnliche Verkaufsstände vorhanden sind, damit gesoffen werden kann. Von billigem, überzuckerten Glühwein bis Punsch und platten Pils-Gedecken – Hauptsache man kann sich berauschen und bei kalten Temperaturen aufwärmen. Dazu bei den meisten eine Zigarette in der Hand, und schon ist die Weihnachtsstimmung perfekt. Die, die es wirklich anders kennen und gerne anders hätten, sagen: Primitiv, kleinbürgerlich, anspruchslos. Und das ist größtenteils ein Spiegelbild unserer konsumgeilen Gesellschaft. Statt weihnachtlichen Klängen, die von der alten weihnachtlichen Zeit erzählen, aus der Zeit mit Maria und Josef in Bethlehem oder „süßer die Glocken, nie klingen“ donnert es rockig aus den Musikboxen mit Liedern wie „Last Christmas“ oder „Jingle Bells“ in neuer Vertonung.

Auf etwa 2.500 Plätzen und Straßen werden rund um den 1. Advent – selbst die Bedeutung dieses Wortes, nämlich „Ankunft“ kennt so gut wie niemand mehr von den „Feierwütigen“ – werden Holzbuden und Stände überall in Deutschland errichtet. In den traditionellen Orten wie Dresden, Nürnberg oder auch Köln – aber auch dort verkommt der ursprüngliche Weihnachtsmarkt zu einer „Abzockveranstaltung“ mit völlig überzogenen Preisen, laut grölenden, vom Alkohol benebelten Partypeople und China-Imbissen. Ein trauriges, abschreckendes Bild einer Veranstaltung, die wie der Striezelmarkt in Dresden vor 584 Jahren als „ältester beurkundeter Weihnachtsmarkt Deutschlands“ gegründet wurde, um die Menschen zu beglücken und ihnen ein wenig Abwechslung in ihren beschwerlichen Alltag zu bringen. Wenn man heute Kinder und Jugendliche fragt, was sie über den Stern von Bethlehem wissen, der einst den drei Weisen aus dem Morgenland den Weg zum Christkindchen gewiesen hat, dann wissen 70% von ihnen darauf keine Antwort. Stattdessen glauben sie zu wissen, dass das ursprüngliche Wesen der Weihnachtsmärkte darauf zurückzuführen ist, dass es da „tollen Glühwein und geile Partystimmung“ gibt. Ein Wandel der Zeit oder einfach die Umkehrung ins Primitive, das ist hier die Frage.

Auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt gibt es beispielsweise 280 Buden, die zum Verweilen einladen, auch hier ein Großteil bestehend aus Imbiss-Ständen, Bier- und Getränkebuden, Schmuckständen und Zelte, wo man sich den Glühwein in Gruppen in den Hals gießen kann, bis die Schwarte kracht. Hauptsache kommerziell, auf Nepp und Touristenabzocke getrimmt, das Tütchen gebrannte Mandeln für 3,50 Euro bei 80 Gramm Inhalt, das Glas Glühwein für 4 Euro oder mehr. Ach, wie ist das schön, was geht es uns doch geil! Wer allerdings eine Krippe sucht, oder seinen Kindern die Bestimmung der Weihnachtsmärkte an Beispielen erklären will, der wird enttäuscht.  Ob das den Gedanken der Weihnachtsmärkte widerspiegelt, lassen wir an dieser Stelle lieber unbeantwortet. Denn wem will man erklären, dass die Vorbereitung auf die Ankunft von Jesus Christus im Mittelalter 4 Wochen gedauert hat, eben diese vier Adventswochen vor dem 24. Dezember. Oder dass ein Mann 1839 den Adventskranz erfunden hat,  weil er den fragenden Kindern erklären wollte, wie lange es bis Weihnachten dauert, indem er ein Wagenrad mit 20 Sprossen und 4 Kerzen für 24 Tage zum Abzählen bis Heiligabend gebastelt hatte. Dieses zu überliefern würde die Sache mit dem Weihnachtsmarkt wesentlich besser treffen, aber damit kann man ja kein Geld verdienen und keinem klaren Kopf zum Rausch verhelfen…