19. März 2018
Gabriela Litzenburg

Hermann Gröhe ist weg, seinen Platz hat Jens Spahn, unser neuer Minister für Gesundheit und Pflege eingenommen. Doch reicht ein einwöchiges Praktikum, welches er 2011 inkognito in Berlin im Altenheim abgeleistet hat, wirklich aus, um z.B. den Pflegenotstand in Deutschland zu bekämpfen und auch sonst die Kosten für Behandlungen und Medikamente zu senken oder um eine 2-Klassengesellschaft unter den Patienten (privat und gesetzlich) abzuschaffen? Offensichtlich nicht, wie immer wieder Pflegepersonal aus deutschen Alten- und Pflegeheime verlauten lässt. Sätze wie: „Unsere Regierung hat absolut keine Ahnung, was in der Pflege läuft“, sind bezeichnend. Wir haben wie es scheint das Problem, dass viele nicht in Würde alt werden können, weil das Personal in der Pflege restlos überlastet ist und zu wenig Zeit für den Menschen hat. Probleme über Probleme, auch bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens, bei den überlangen Wartezeiten für Termine bei Spezialisten und bei Rezeptgebühren und – Verordnungen.

Jens Spahn war erst einmal froh, dass er ein Ministeramt ergattern konnte. Dass es das ungeliebte Resort für Gesundheit und Pflege ist, wird er sicherlich schon bald zu spüren bekommen. Denn die Probleme, die dort auf ihn warten, gibt es seit langem, andere werden von Jahr zu Jahr größer, wie beispielsweise der Notstand bei der Altenpflege und -betreuung. Es gibt wohl viel zu wenig Personal, der Nachwuchs fehlt, die Dienstpläne sind katastrophal und die Menschlichkeit bleibt oft auf der Strecke. Versprochen wurden etwa 8.000 neue Pflegekräfte, doch wo sollen die herkommen? Dadurch, dass wir etwa 3 Millionen Menschen haben, die Pflege brauchen, sind die Pfleger/innen total überlastet. Bis 2030 werden es nach Schätzungen ca. 3,5 Mio. sein. Dadurch kommt es beim knapp bemessenen Personal, welches quasi im Akkord die Patienten abarbeitet, zu Kurzschlusshandlungen mit Schlägen, Ignoranz, Schikanierungen. Allein 2016 wurden in der Pflege ungefähr 9,5 Mio. Überstunden geleistet. Ein Drittel davon kann und wird gar nicht erst bezahlt. Das trägt zur Verrohung und Bitterkeit unter dem Personal bei. Zu spüren bekommen das unsere Alten. Die sind angewiesen auf Pflege und Unterstützung. Und können sich oft nicht wehren gegen das menschenunwürdige Pflege-System mit all seinen Konsequenzen. Ob J. Spahn für diese Menschen eine Lanze brechen kann und Verbesserungen erreicht, bleibt abzuwarten.

Laut Jens Spahn ist das Thema Demenz ein zentrales Thema bei der Bewältigung von Krankheiten und damit Verbesserung der Lebenserwartung und -qualität. Gerade in der Pflege zeigt sich, wie stark Demenz auf dem Vormarsch ist. Deshalb will er mit Forschungsministerin Anja Karliczek entsprechende Forschungsprogramme ausbauen und die Kräfte dafür in Europa bündeln. Dazu Millionen an Daten europäischer Demenzpatienten auswerten und aus den Erkenntnissen neue Methoden zur Behandlung entwickeln. Neue Medikamente erforschen, auch Forscher sensibilisieren, dieses Gebiet zu erobern. Große Pläne, vollmundige Ankündigungen. Auch Hermann Gröhe war seinerzeit angetreten, um das Gesundheitssystem zu reformieren, Digitalisierung voranzutreiben. Doch wo kann man den Fortschritt messen, wo Verbesserungen spüren? In der Pflege jedenfalls nicht, da ist die „Fließband-Arbeit“ ein Manko, das auch der berühmte „good will“ nicht so einfach lösen kann.