6. September 2019
Anastasia Bergstern

Boris Johnson, Verfechter des harten Brexit, also einem Ausstieg aus der EU ohne Vertrag, hat seine Mehrheit im Parlament verloren. Das Unterhaus stimmte für eine Verschiebung des Brexit-Termins auf den 31. Januar 2020. Wenn vorher kein Deal mit der EU zustande kommt, soll ein Gesetz Johnson dazu verpflichten sich an den Aufschub zu halten. Vor allem den sogenannten Backstop will der Premierminister gestrichen sehen. Die Backstop-Klausel bezieht sich auf die Grenze zwischen dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland und der Republik Irland. Sie soll verhindern, dass die innerirische Grenze zu einer Außengrenze der EU wird. Das würde damit erreicht werden, dass das gesamte Vereinigte Königreich zumindest übergangsweise die Binnenmarkt- und Zollregeln der Europäischen Union beibehält. So soll verhindert werden, dass Irland nach dem Brexit wirtschaftlich und politisch besonders harten Konsequenzen ausgesetzt wäre.

1,7 Millionen Arbeitsplätze sind bedroht

Laut einer Untersuchung der Universität Leuven könnten bei einem harten Brexit in Großbritannien und der EU mehr als 1,7 Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Doch nicht nur Arbeitsplätze sind gefährdet, auch ein Wohlstandsverlust würde eintreten. Laut einer Studie des Ifo-Instituts wäre insbesondere Irland mit einem Verlust von 8,16 Prozent davon betroffen. Für die gesamte Wirtschaft in der EU und in Großbritannien würde ein Austritt in Johnsons Sinne ein erhebliches Maß an Konsequenzen nach sich ziehen. Die Übergangsphase, die Unternehmen für eine gewisse Zeit gewährleistet ihr Geschäft weiterhin aus Großbritannien zu betreiben und damit in der EU aktiv zu sein, würde wegfallen.

Große Unsicherheit und Standortwechsel

Bereits Anfang 2018 planten laut einer Umfrage des Wirtschaftsverbands Chartered Institute of Procurement and Supply (CIPS) viele Unternehmen den Abbau ihrer Geschäfte in Großbritannien. 2418 Manager aus verschiedenen Branchen beteiligten sich an der Umfrage. Zu dem Zeitpunkt hatten bereits 14 Prozent europäischer Unternehmen mit einem Standort in Großbritannien Schritte eines Abzugs unternommen. 11 Prozent hatten bereits Beschäftigte in andere Länder versetzt.

Ende August dieses Jahres teilte die niederländische Behörde für ausländische Investitionen (NFIA) mit, dass bereits fast 100 Unternehmen von Großbritannien in die Niederlande umgezogen wären. 325 weitere Firmen hätten bereits Interesse an einem Standort in den Niederlanden bekundet. Laut NFIA-Chef Jeroen Nijland führte die „wachsende Unsicherheit im Vereinigten Königreich“ bei den Unternehmen zu einer „gravierenden Unruhe“. Bekannte Unternehmen wie der Informationsdienstleister Bloomberg und die europäische Niederlassung des US-Senders Discovery Channel haben ihren Sitz bereits von London nach Amsterdam verlegt. Da sie aus rechtlichen Gründen in einem EU-Mitgliedsstaat ansässig sein muss, ist auch die Europäische Arzneimittelagentur umgezogen.
Anfang des Jahres sorgte außerdem die Verlegung der Firma Dyson für viel Aufsehen. James Dyson, der für seine beutellosen Staubsauger bekannt ist und als reichster Mann Großbritanniens gilt, verlagerte den Hauptsitz seiner Firma nach Singapur, obwohl er ein Befürworter des Brexit ist.

Vorsichtsmaßnahmen statt Investitionen

Aufgrund der Aussicht auf einen Brexit ohne Vertrag mit der EU herrscht eine große Unsicherheit unter den Unternehmern auf der Insel. Sie wappnen sich gegen einen ungeregelten EU-Austritt und investieren in Vorsichtsmaßnahmen statt in ihre Firma. Carolyn Faibairn, Geschäftsführerin des britischen Industrieverbandes CBI, erklärte am 05.09.19: „Bis eine Vereinbarung getroffen ist, werden die Unternehmen weiter Milliarden Pfund aus Investitionen in die Produktion abziehen und stattdessen in No-Deal-Vorbereitungen stecken.“ Weiterhin gibt sie zu bedenken, dass internationale Investoren „weiterhin infrage stellen, ob Großbritannien ein stabiler, offener Ort ist, um Geschäfte zu machen.“  Diese Vermutung könnte den Wirtschaftsstandort Großbritannien erheblich in Frage stellen und für viel Unmut als auch Unzufriedenheit in der Bevölkerung sorgen. Da stellt sich die Frage, ob der Preis, der für einen ungeregelten Brexit gezahlt werden müsste, nicht viel zu hoch ist.