27. August 2019
Anastasia Bergstern

Einen offenbar kleinen Sieg kann Boris Johnson vom Gipfel der G7 aus Biarritz nach Hause tragen.  Donald Trump, der große Gegenspieler der EU, bot dem britischen Premier an, zeitnah nach dem Ausscheiden aus dem europäischen Wirtschaftsraum ein Freihandelsabkommen zu vereinbaren. Zuvor war Mays Nachfolger sowohl aus Berlin als auch aus Paris mit leeren Händen zurückgekehrt. Sowohl Merkel als auch Macron hatten die verbleibenden Spielräume für Nachverhandlungen als sehr gering bezeichnet.

Ersatzmarkt ist auskömmlich groß – theoretisch

Britische Unternehmen finden da auf den ersten Blick eine starke Alternative zur EU. Eine um das Königreich verkleinerte EU zählt nur noch 446 Millionen Kunden. Eine Allianz des Vereinigten Königreichs mit der stärksten Handelsnation der Welt käme auf 394 Millionen. Stoßen, wie gewünscht, die anderen alten Empire-Freunde wie Kanada, Australien und Neuseeland hinzu, erschließt sich künftig ein gemeinsamer Markt von 461 Millionen potenzieller Kunden. Indien (1,37 Mrd.) und Pakistan (201 Mio.) haben Vorbehalte und werden sich vorerst kaum anschließen. Doch scheint es aus Londoner Perspektive keine düstere Aussicht, die unterstellte Brüsseler Gängelung mit 446 Millionen Einwohnern zu verlassen. Auf der Haben-Seite steht dafür vermeintlich der Tausch gegen Freiheit, verbunden mit fast 15 Millionen zusätzlichen Käufern in durchweg wirtschaftsstarken Ländern. Störend ist dabei allein, dass Handelsbeziehungen mit der EU auf breiter Basis vorhanden sind und mit dem historischen Empire erst wieder geschaffen werden müssen.

Dass der so unumstößliche Volkswille, das Referendum, zum großen Teil auf Lügen und falschen Behauptungen basierte, wird da zur Randnotiz. Erinnert sei an das durch den EU-Austritt angeblich gesparte Geld, das den Gesundheitssektor auf ein hohes Niveau katapultieren sollte. Von den erwarteten „exorbitanten finanziellen Vorteilen“ durch den Brexit ist inzwischen auch auf der Insel keine Rede mehr.

EU ist arbeitsteilig organisiert

Dabei genügt ein grober Blick auf die Funktionsweise von Märkten im Allgemeinen und des EU-Binnenmarktes im Besonderen, um Probleme vorherzusagen.

Als erste Frage stellt sich, wie groß sich die neue Freiheit gestalten wird. Denn als zentrales Problem wird Großbritannien weiterhin alle Regelungen der EU weiter beachten müssen, um auf EU-Niveau weiterhin in die EU exportieren zu dürfen – völlig unabhängig vom zu erwartenden Status. Die Insel beraubt sich ihres Potenzials, im Brüsseler Verhandlungsprozess weiter Einfluss auf die Regelungen nehmen zu können, muss sie aber einhalten, egal ob ein Ersatz-Handelsabkommen folgt oder das Land zum Drittstaat wird. Anstehende Zollformalitäten, die es Jahrzehnte nicht mehr gab, behindern den künftigen Warenfluss in die ungeliebte EU. Dass die neuen Partner auf Regeln verzichten ist jedoch auch nicht zu erwarten.

Pro forma dürfen Ersatzverhandlungen zwischen der Insel und anderen Partnern erst ab dem Moment des Ausscheidens beginnen, also ab dem 1. November.

Großbritannien ist noch tief in die EU-Prozesse integriert

Angenommen, die Ersatz-Freihandelsabkommen mit den USA und den anderen Mitgliedern des früheren Empire liegen am Mittag des 1. November unterschriftsreif auf dem Tisch, darf sich die britische Wirtschaft sehr beeilen, neue Kunden zu finden, denn die Prozesse innerhalb der EU sind ausgefeilt arbeitsteilig und kleinteilig durchorganisiert. Lager sind vielfach abgeschafft, die Lieferung erfolgt just-in-time. Bei Milchprodukten liefert Polen Himbeeren, Österreich die Milch. In Deutschland wird daraus Joghurt, mit Zucker aus den Niederlanden und Aroma aus bulgarischen Rohstoffen die in Italien verarbeitet wurden. Bedeutender gestalten sich die Prozessabläufe bei größeren Produkten wie Autos: Rumänien verchromt die Radkappen und liefert sie nach England. Polen schickt die Autositze hinterher und Deutschland die elektrische Steuerung, die Lichter finden ihren Weg aus der tschechischen Republik. Nach Vormontage im Königreich folgt die Endmontage in Frankreich. Bisher ohne Zollformalitäten. Die meisten Einnahmen bringt das Massengeschäft. Genau das bringt der Brexit voraussichtlich ins Trudeln.

Eingespielte Gewissheiten weichen wolkigen Hoffnungen

Nähe ist da ein zentraler Faktor. Auch wenn Bulgarien aus europäischer Sicht fern von Großbritannien liegt, bleibt es doch im globalen Maßstab eine Kurzstrecke. Bei Import von Bekleidung aus Bangladesh oder China ist der Zeitfaktor von geringem Belang. Bei verderblicher Ware oder finanziell ausgereizten Kalkulationen im Massengeschäft wie bei Autos oder Maschinen werden Zeit- und Transportkosten leicht zum K.-O.-Kr­ite­ri­um.

Großbritannien kauft vermeintliche Freiheit mit langen Wege und Zöllen

Auch in Australien und Kanada wollen Konsumenten Joghurt essen oder Auto fahren. Die Brexiteers können nun zeigen, wie schnell es ihnen gelingen wird, solche eingefahrenen Prozesse umzuorganisieren – weg von Europa, weg von Brüssel. Schließlich wartet perspektivisch ein größerer Markt mit tendenziell niedrigeren Qualitätsanforderungen. Wenn Himbeeren aus Australien aromatischer sind oder verchromte Radkappen aus Neuseeland preislich konkurrieren mit denen aus Rumänien spricht nichts gegen ein Gelingen des Brexit-Prozesses. Die Wege vervielfachen sich, aber immer noch hält London mit Heathrow Europas größten Flughafen.