26. August 2019
Anastasia Bergstern

Ein nachhaltiges Leben als digital native liegt im Trend: Bio kaufen, plastikfrei leben, Kleidung secondhand und Ernährung nur vegan. Das Ganze wird auf Instagram gepostet und im Blog verewigt. Unterwegs läuft die Lieblings – Spotify- Playlist und Abends dann ein Serienmarathon auf Netflix – passt doch ideal zum modernen grünen Lebensstil. Oder?

Tatsächlich sind Plattformen wie Spotify und Netflix alles andere als nachhaltig. Forscher der Universitäten Glasgow und Oslo kamen kürzlich zu dem Ergebnis, dass Musikstreaming zwar zu einem deutlichen Rückgang von Plastikmüll führt, jedoch auch für einen Anstieg von Treibhausgasen verantwortlich ist. Wurden im Jahr 2000 noch 61.000 Tonnen Plastikmüll durch die Produktion von CDs verursacht, belief sich die Zahl 2016 auf nur noch 8.000 Tonnen. Das klingt erst einmal nach einer erfreulichen Nachricht, wäre da nicht der massive Anstieg von Treibhausgasen. So schätzen die Forscher, dass sich im selben Jahresabstand der Anstieg von klimaschädlichen Gasen von 157.000 Tonnen auf 200.000 – 350.000 Tonnen erhöht hat. Ihre Studie bezieht sich dabei auf die Musikindustrie der USA.

Als Vergleich:  2018 lagen die Treibhausgas-Emissionen von Deutschland insgesamt bei knapp 900 Millionen Tonnen.

Der Strom von Rechenzentren könnte ganze Städte versorgen

Das Herzstück eines jeden digitalen Unternehmens ist das Rechenzentrum. Der Strombedarf eines IT-Unternehmens kann dabei durchaus so hoch wie eine Stadt sein. Laut New York Times verbraucht Google in etwa so viel Strom wie eine Stadt mit 200.000 Einwohnern. Um das gesamte Internet mit Strom zu versorgen bräuchte es nur dafür 25 Atomkraftwerke.

Wichtig für eine Entwicklung zum nachhaltigeren Internet ist also die Frage: Wird dieser Strom aus erneuerbarer Energie gewonnen? Das untersuchte Greenpeace in ihrer Studie „Clicking Clean“ von 2017. Musik- und Videostreamingdienste standen dabei ebenso im Fokus wie Social – Media – Kanäle, Messenger, Suchmaschinen, E-commerce- oder große IT-Unternehmen.
Mit einem „Clean Energy Index“ von 83 Prozent (Note A) schnitt iTunes als Musikstreaming-Anbieter am besten ab. Für diesen Index berechnete Greenpeace den gesamten Stromverbrauch des Anbieters und fokussierte sich dann auf den Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien. Spotify stand mit 56 Prozent und der Note D im Ranking deutlich dahinter.

YouTube schnitt im Bereich Video mit der Note A am besten ab, während AmazonPrime (Note C) und Netflix (Note D) deutlich weniger erneuerbare Energien nutzen und somit eine schlechtere Umweltbilanz haben.

Übrigens schneiden Facebook, Instagram und LinkedIn deutlich besser ab als alle anderen untersuchten sozialen Netzwerke.

„Wie wir unsere digitale Infrastruktur betreiben, kann darüber entscheiden, ob wir den Klimawandel rechtzeitig stoppen können“ (Gary Cook, Greenpeace-IT-Spezialist)

Fakt ist, dass das digitale Leben einen Einfluss auf die Erhöhung klimaschädlicher Treibhausgasemissionen hat und sich somit negativ auf den Klimawandel auswirkt. Soll das Klima geschont werden, ist jedoch ein Verzicht auf digitale Medien nicht notwendig – nur die Art und Weise der Nutzung müsste sich ändern. Forscher vom Shift Project sehen vor allem Streaming-Anbieter in der Pflicht ihre Emissionen zu senken, indem sie ihr Design ändern. So seien Funktionen wie Autoplay nur zur Konsummaximierung gedacht und somit schädlich. Gleichzeitig müsse die EU Richtlinien und Regulierungen für Streaming-Dienste ausarbeiten. Energieeffizientere Server müssten genauso genutzt werden wie eine grundsätzliche Umstellung auf Ökostrom erfolgen sollte.

Verzichten muss also keiner – ein bewussterer Umgang mit der digitalen Welt wäre schon ein guter Anfang: Vielleicht einfach wählerischer sein, wenn es um die nächste Netflix – Serie geht oder auch mal wieder ein gutes Buch lesen?

Man könnte auch was ganz verrücktes ausprobieren: Unterwegs die Kopfhörer in der Tasche lassen und einfach aus dem Fenster schauen.