9. Juli 2019
Anastasia Bergstern

Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich sieht in großflächiger Aufforstung den effektivsten Weg, den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass weltweit eine Fläche von 0,9 Milliarden Hektar zur Verfügung stehe für Neuanpflanzung von Wald, ohne Städten oder Ackerflächen etwas wegnehmen zu müssen. Das entspricht in der Summe einem Areal der Größe der USA. Diese Wälder könnten dann zwei Drittel der vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen aufnehmen. Aufnehmen heißt in dem Fall, aus der Luft zurückholen, den Klimawandel damit teilweise zurückzudrehen. Das ist weit mehr als stoppen. Der Gebrauch fossiler Brennstoffe müsse dennoch beendet werden, stellt der Thinktank aus Zürich klar.

Rodung, Industrialisierung und Gebrauch fossiler Brennstoffe steigert den Ausstoß von CO2. Wiederaufforstung bindet langfristig wieder das Kohlendioxid als Kohlenstoff in Pflanzenform. Manche Ergebnisse sind so bestechend einfach und plausibel, dass man sich fragt, warum sie nicht seit Jahrzehnten zur Entscheidungsgrundlage dienen. Der ETH wächst allerdings der Verdienst zu, diese Annahme mit konkreten Zahlen unterlegt zu haben, deren Grundlage Übersicht und Planung ermöglicht.

Investment in Wald galt bisher als hoch risikoreiche Idee einiger Weltverbesserer. Vor dem Hintergrund der in der Zeitschrift Science veröffentlichten Ergebnisse könnte es lohnen, über neue Modelle nachzudenken, die Aufforstung mit Renditen verbinden.

Das Crowther Lab an der ETH Zürich forscht an Lösungen gegen den Klimawandel auf Basis der Natur. In ihrer Studie zeigten die Forscher erstmals auf, wo auf der Welt neue Bäume wachsen könnten und wie viel Kohlenstoff sie speichern würden. Dabei war besonders wichtig, Städte und landwirtschaftliche Flächen auszuschließen, da der Mensch diese anderweitig benötige.

Die Berechnung ergab, dass unter den aktuellen klimatischen Bedingungen die Erde mit rund 4,4 Milliarden Hektar Wald bedeckt sein könnte. Das sind 1,6 Milliarden mehr als die derzeit vorhandenen 2,8 Milliarden Hektar. 0,9 Milliarden dieser 1,6 Milliarden Hektar erfüllen das Kriterium, nicht von Menschen genutzt zu werden. Damit stünde derzeit weltweit ein Gebiet von der Größe der USA für die Aufforstung zur Verfügung. Wenn sie herangewachsen sind, könnten diese neuen Wälder 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern. Das sind zwei Drittel der 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die seit der industriellen Revolution durch menschliches Zutun in die Atmosphäre gelangten.

Platz und Potenzial zeigt die von der ETH präsentierte Waldkarte vor allem in den größten Ländern der Erde: Russland, Kanada, China, USA, Brasilien. Der Effekt zeige sich um so nutzbringender, je näher das Land am Äquator liegt. Weil Wald im Norden sehr viel lichter ist, arbeiten Tropenwälder effektiver. Die füllen bis zu 100 Prozent ihrer ökologischen Nische aus.

ETH-Professor Tom Crowther, Mitautor der Studie, bemerkt dazu, bislang sei unklar gewesen, dass der Effekt so bedeutend wäre. Flächen zu bewalden sei derzeit die beste verfügbare Lösung gegen den Klimawandel. Schnelles Handeln sei dennoch erforderlich, weil es Jahrzehnte in Anspruch nehme, ehe die Wälder herangewachsen seien um ihr Potenzial als natürliche CO2-Speicher auszuschöpfen.