27. Juni 2019
Denys Sokolow

Der Bitcoin das war einmal die richtige Idee zur richtigen Zeit: Einkaufen wie früher, trotzdem im Internet, ohne der gläserne Kunde zu sein. Einfach zahlen und quasi mitnehmen, ohne Preisgabe von Identität, Kaufkraft, Vorlieben oder Shoppingverhalten. Bitcoin, das war eine Graswurzelrevolution: Digitales Geld von unten, vorbei an Regierungen und Zentralbanken, ein Experiment mit hohem Anspruch, das auch noch funktioniert hat. Mittlerweile hat der Bitcoin hat seine Unschuld verloren, ohne daran große Schuld zu tragen. Zum ersten raufen sich Ökologen die Haare angesichts von Rechenleistung und dem daraus resultierenden Stromverbrauch, den die Sicherheit der Digitalwährung bindet. Zum zweiten hat die anonyme Zahlungsfähigkeit auch bei jener Klientel Anklang gefunden, die es ebenfalls gern anonym hat: Drogengeschäft, Erpresser und Schattenwirtschaft.

Bitcoin, der Anarchist

Eine Lösung ist da für das digitale Bezahlen. Eine Lösung die seit Jahren funktioniert, aber eine Lösung von der niemand weiß, wer dahinter steht, wer zumindest theoretisch damit seine Spielchen treiben könnte. Eine Währung, der seit geraumer Zeit die Implosion prognostiziert wird, die aber wie zum Hohn von Gipfel zu Gipfel eilt. Der Bedarf ist da, der Erfolg auch. Wenige Länder versuchten ein Verbot, das jedoch kaum funktionieren kann. Nur zur Härte des Bitcoin kann niemand verlässlich etwas sagen.

Zwischen Anarchie und Fremdbestimmung ist ein institutioneller Akteur gefordert

Von verschiedenen Seiten finden nun Ideen für offizielle Kryptowährungen in die Nachrichtenticker. Bindung an vorhandene Währungen, Euro, Dollar, oder Gold sollen den strukturellen Mangel des Bitcoin ausgleichen: die fehlende Härte. Erst in der vergangenen Woche hatte Facebook für das kommende Jahr eine eigene Digitalwährung namens Libra angekündigt. Der Datenhändler will damit Kryptowährungen aus der Nische holen und für eine breite Masse zum gängigen Zahlungsmittel machen. „Richtige Idee – falscher Akteur“ dürfte einer der treffendsten Kommentare unter einem Zeitungsartikel zu diesem Thema gewesen sein. Der Vorstoß ließ den Kurs des Bitcoin steigen, rief aber wegen der ohnehin schon großen Marktmacht Facebooks auch Kritik hervor. Marktmacht und fehlende Zuverlässigkeit im Schutz privatester Daten ist dabei nur ein Aspekt der Kritik. An der kleinen Frage hängt die große: Sollte eine Gesellschaft eine solch bedeutende Frage der Daseinsvorsorge wie Ausgabe und Stabilhalten von Geld einer einzigen privatwirtschaftlichen und gewinnorientierten Firma überlassen? Eine Firma, die sich schnell mal aufspalten und umziehen kann, über Länder und Kontinente, je nach Erfordernissen von Steuervermeidung oder Strafverfolgung. Ein anderer Riese, Microsoft, bestimmt Innovationszyklen und Haltbarkeit von Informationstechnologie nach Interessen seiner eigenen Wirtschaftslage. Microsoft bestimmt mit, womit Kinder in der Schule lernen, und womit nicht. Google sagt seinen Nutzern das Wetter voraus und weiß dafür, wer sich mit welcher Kaufkraft wo bewegt und handelt mit den Daten. Die Liste ließe sich fortsetzen. Facebook, Google, Microsoft: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass selbst riesige Gemeinschaften wie die EU ihre Not damit haben, solchen Global Players die elementarsten Selbstverständlichkeiten abzuringen: sei es der Schutz privater Daten, seien es Steuerzahlungen. Dabei ist der Kern des Problems nicht der Gebrauch oder Missbrauch von Marktmacht. Kern ist die mögliche Fremdbestimmung ganzer Volkswirtschaften durch private (gewinnorientierte) Firmen – siehe Microsoft und sein Diktat zu Updates der Betriebssysteme. Facebook ist daher ein Konzern, einer der Akteure, dem niemand gerne eine Lizenz zum Gelddrucken überlassen möchte.

Politiker und Ökonomen bringen EZB als Akteur ins Spiel

CDU und CSU fordern nun die Einführung eines E-Euro nach Vorbild von Kryptowährungen wie dem Bitcoin. „Wir möchten die Vorteile der Blockchain-Technologie von der Schattenwirtschaft in legale und seriöse Geschäftsmodelle überführen“, heißt es im Entwurf eines Eckpunktepapiers, das die Unionsfraktion in einer Sitzung beschlossen hat.

„Der E-Euro könnte im grenzüberschreitenden Verkehr zu einer einfachen, kostengünstigen und schnellen Zahlung eingesetzt werden“, heißt es dort weiter. Der digitale Euro sollte von den Zentralbanken ausgegeben werden und könnte dann auch zum Kauf anderer Kryptowährungen genutzt werden. Bei kriminellen Aktivitäten könnten die E-Euro eingefroren, entwertet oder eingezogen werden.

Die schwedische Zentralbank Schwedens steht dem Konzept relativ offen gegenüber und forscht gerade an einer e-Krone. Ähnliche Konzepte werden in der Schweiz und Australien geprüft.