20. Juni 2019
Denys Sokolow

Guten Morgen, Herr Pramhas. Wie wird man eigentlich zum Künstler? Man steht ja nicht eines Morgens auf und sagt: Ab heute bin ich Künstler! Sie hatten ja einen Vorlauf, von Uni zu Grafik und Werbung. Wie wurden Sie dann zum Künstler?

Als ich ein Kind war, hat mich meine Oma als Genie bezeichnet. Mit 10 Jahren habe ich angefangen, Leute zu zeichnen, in einem Egon-Schiele-Stil.

Ein Naturgenie von Geburt an?

Nein! Eine Zukunft habe ich darin nie gesehen! Werbung hat mich immer beeindruckt, ich wollte eher bürgerlich werden.

Bürgerlich? Wie ging es dann weiter?

So kam es zur Berufsausbildung im grafischen Bereich, Diplom von der Grafischen Lehranstalt, voll creative, dann Kunstuni um den akademischen Grad zu bekommen, schließlich zur kleinen Karriere als Werbefachmann, zeitweise mit eigener Agentur und als Freelancer.

Hört sich gut an. Angekommen und erfolgreich!

In meinem Traumjob angekommen, als Creative-Director bei einer leitenden Agentur in Oberösterreich ödete mich das zunehmend an. Zunächst fühlte ich mich mehr als Arrangeur von Kreativen statt selbst kreativ sein zu können. Nur für meinen freien Geist hatte ich ab und zu gemalt. Während meiner Lehrtätigkeit am Berufsförderungsinstitut Oberösterreich wurde mir immer fremder, was ich da selbst unterrichtete, geht es doch in der Werbung um Manipulation. Diese Inhalte konnte ich nicht mehr aufrichtig transportieren. Eine Erkenntnis holte mich ein: „Das ist nicht, was ich vertreten kann“.

Die klassische Sackgasse: Auf‘s falsche Pferd gesetzt, und sogar mit Erfolg. Aber da kommt man doch nicht raus, wenn es das Einzige ist was man gelernt hat?

Da besann ich mich der Alternative, die ich in der Tasche hatte. Der Kunst. Die mir dienen konnte, was ich eigentlich nie gewollt hatte. Vor fünf Jahren rief dann ein alter Kollege an und wollte mich zur Teilnahme an einer Kunstausstellung bewegen. Das wurde die Ausstellung für mein neue Lebensziel. Mit Pastellbildern, weil ich mich mit Öl nicht traute. Nicht kunstmarkttauglich.

Also, das richtige Pferd, die Kunst, war dann wieder das falsche Pferd, wegen Pastell?

Da musste ich ran an die Königsdisziplin, die Ölmalerei. 40 Stunden habe ich am ersten Bild gemalt. Learning bei doing, mir autodidaktisch beigebracht, auch über Youtube-Videos. Ölmalerei ist eine Materialschlacht. Aber 100 von 150 Ölgemälden habe ich schon verkauft.

Respekt! Sie sind jetzt 53 Jahre alt.

Als Ölmaler bin ich ein junger Künstler. Das mache ich erst seit 5 Jahren. Jung und aufstrebend mit 53 Jahren!

Wie reagierte Ihr Umfeld? Raus aus den sicheren Verhältnissen, rein in unsicheres Feld?

Widerspruch! Das war ein absolut nicht bürgerliches Leben. Ein zerrüttetes Leben. Man wird zum Künstler durch Mäandern. Das war mehr so durchgetrickst, durchgeschlängelt. Umfeld? Das muss da durch. Kunst ist eine Intrige, um Heuchler zu entlarven. Jetzt bin ich da, wo ich hin gehöre.

Wie findet man seinen Stil? So das Malen mit dem Skalpell, so caught in the act?

Meine Motive sind stark inszeniert. Das Erwischte einfrieren, wie es nur der Künstler kann und nicht in der Fotografie, das ist mein Ding. Der Anfang geht dann sehr lebendig und schnell. In einer Stunde ist die Struktur da. Dann hängt es von der Laune ab, wie ich sie weiter male.

Auf den ersten Blick verdammt gut naturalistisch, fotorealistisch?

Eben nicht! Ich muss die Sehnsüchte spüren, wie sie in der digitalen Welt vielfach verloren gehen. Die mitunter sehr verborgene Lebendigkeit hervorheben, wie sie in der gephotoshoppten Realität des Internet kaum noch existiert. Zu jedem Bild muss ich was finden und hinzu erfinden. Ich darf nicht in die Falle tappen, Fotoporträts zu machen. Dann werden sie real! Statt dessen arbeite ich die digitale Welt auf und transformiere sie in die analoge Welt zurück.

Photoshop! Gutes Stichwort! Wozu heute noch Pinsel, Materialschlacht und Leinwand? Man kann doch heutzutage in Photoshop aus jedem Foto ein Gemälde machen: Stil wahlweise van Gogh, Pissarro oder Glasbaustein. Kreative Fremdobjekte kriegt man auch leicht einretuschiert, wenn ein Mercedesstern zum Ohrring werden soll….

Ich glaube nicht an das Aussterben von handgemachten Ölbildern. Die sind handgemacht.

Herr Pramhas, ich danke für das Interview!