20. Juni 2019
Denys Sokolow

Der Klimawandel betrifft auch erfolgreiche Investoren. Offenbar spielt diese Erkenntnis eine erhebliche Rolle für die wachsende Bedeutung nachhaltiger Investments.

„Ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt sich‘s völlig ungeniert“. Arbeitsbedingungen, Umweltauswirkungen oder Klima konnten erfolgreichen Firmen während der vergangenen Jahre egal sein, so lange am Ende des Geschäftsjahrs die Ausschüttung überzeugte. Stromkonzerne, manche Wasserbetriebe oder Monsanto wirtschafteten so Jahrzehnte lang. Das Ergebnis reichte dann auch noch für Werbekampagnen, detektivische Untersuchung von Kritikern und um diese mit allerlei Rechtswegen zu befassen.

Umwelt bestimmt das Bewusstsein, auch aus finanziellen Gründen

Rezo beschäftigt indes nicht nur die CDU, Greta Thunberg nicht nur die Klimaskeptiker. Der richtige Shitstorm zur rechten Zeit kann Investoren in der falschen Sparte erhebliche Einbußen bescheren: Heiße Sommer in kurzer Folge, sich häufende Extremwetterlagen lassen die Themen Umwelt und Klima im allgemeinen Bewusstsein ebenso ankommen wie im Finanzmarkt. Ein Zeichen ist der Durchmarsch grüner Parteien bei den Europawahlen. Doch auch die Versicherungswirtschaft als direkt betroffener Akteur steht vor der Wahl: Ihre Verträge ausdünnen und den Folgen des sich wandelnden Klimas anzupassen, oder mit ihren freien Mitteln lenkend die Ursachen anzugehen. Fondsgesellschaften oder Rentenkassen stehen vor dem selben Problem. Rentabililität ist das eine, aber externe Risiken (wie Naturkatastrophen) durch die Folgen des Investments mindern dessen Erfolg direkt. Zudem gibt die Freiheit des Internets nicht nur ein Forum für Flacherdler, Klimaleugner oder Unterstützer merkwürdiger Präsidenten. Der mediale Erfolg von Rezo und Fridays for Future mit True News zeigt: Greenwashing greift nicht immer. Deshalb müssen zunehmend tatsächlich die anstehenden Probleme angegangen werden. „Die Industrie merkt, dass sie an gesellschaftlicher Akzeptanz einbüßt, wenn es ihr nicht gelingt, sich als Teil der Lösung und nicht als zentraler Teil des Problems zu präsentieren“, sagt dazu Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie.

Durchaus eigennützige und vom Erfolgsdruck getriebene Motive bewirken auch in der Finanzwirtschaft das zunehmende Interesse an nachhaltigem Investment, an ethisch unbedenklichen Geldanlagen. „Geldanlagen sind indirekt in erheblichem Maße für den Ausstoß von Treibhausgasen mitverantwortlich“, publiziert mittlerweile auch die Verbraucherzentrale in einer Veröffentlichung zu nachhaltiger Geldanlage und zitiert dazu eine Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums. Die beziffert das CO2-Einsparpotenzial einer klimafreundlichen Anlagestrategie auf 42 Prozent an weniger schädlichen Treibhausgasen.

Klimafolgen von Investments werden kalkulierbar

Daten über klimaschädliche Auswirkungen wirtschaftlichen Handelns sammelt zum Beispiel CDP, ein in London ansässiger eingetragener Verein, 2000 gegründet. Das Kürzel stand früher für Carbon Disclosure Project, zu übersetzen mit „Karbon Bekanntmachungsprojekt“. Über 7.000 Firmen als auch Städte, Regionen und Länder liefern mittlerweile Daten an das CDP. „Um mit ökologisch bedingten Anlagerisiken umgehen zu können, brauchen auch die Investoren erst einmal die nötige Info-Basis“, argumentiert Emily Kreps, Leiterin der Investoren-Initiative der gemeinnützigen Organisation. Aus den übermittelten Daten erstellt das CDP den Carbon Disclosure Leadership Index (CDLI). Der gibt einen Überblick über die Ausführlichkeit der Berichterstattung. In den CDLI werden die am besten berichtenden Unternehmen einbezogen, welche ihre Informationen öffentlich freigeben und das CDP Online Response System verwenden.

Die veröffentlichten Berichte geben Investoren Anhaltspunkte, mit welchen Investments (und welchen Nicht-Investments) sie sofort mit Klimaverbesserungen anfangen können. Klimafreundliches oder ethisches Investment ist eine der Fragen, mit der Anbieter zunehmend am Markt konfrontiert werden. Immerhin stehen zur Vermeidung klimaschädlicher Gase zwei Wege offen: Entweder so produzieren, dass dabei weniger CO2 oder Methan entsteht. Oder als Notlösung Flora und Fauna ausgleichen, die das mehr produzierte CO2 wieder langfristig binden.

Laut CDP hat auch eine Reihe von Firmen die Notwendigkeit neuer Wege erkannt: Es geht nicht nur um die Fridays. Es geht auch ums Geschäft. Das sehen viele Unternehmen durch die Folgen des Klimawandels bedroht: 215 der weltgrößten Konzerne beziffern demnach ihre Risiken auf mehr als 850 Milliarden Euro. CDP hat dafür Daten und Einschätzungen von Firmen aus aller Welt gesammelt, darunter Namen wie Apple, Microsoft, Nestlé, oder aus Deutschland auch Adidas, Allianz, BASF, Bayer und BMW.

Umgekehrt verfügt die CDP jetzt über ausreichend Zahlenmaterial, um zum ersten Mal die Verweigerer öffentlich zu machen. Insgesamt stünden 707 Unternehmen auf der Negativliste, sagte Kreps in New York. Darunter seien bekannte Namen wie Exxon Mobil, BP, Chevron, Amazon, Volvo, Alibaba, Quantas Airways und die Palmölfirma Genting Plantations. „Wichtig sind in dieser Liste gerade die Konzerne mit großer wirtschaftlicher Bedeutung und gleichzeitig hohem Börsenwert“, hebt die CDP-Expertin hervor. Bei Amazon und Alibaba beispielsweise frage man schon seit vielen Jahren nach Daten, stieß jedoch bisher auf taube Ohren. Ölkonzerne wie Exxon Mobil, BP und Chevron hingegen hätten seit einigen Jahren Informationen geliefert, das aber im vergangenen Jahr gestoppt. Mit dem Rückversicherer Munich Re habe auch ein wichtiger deutscher Konzern gemauert. „Das wundert uns, weil der Versicherer eigentlich eine Pionierrolle auf dem Nachhaltigkeitsfeld hat“, urteilt Kreps.