6. Juni 2019
Anastasia Bergstern

Die Bundesregierung hat für die kommenden Jahre einen Rückbau von nicht mehr benötigter Infrastruktur an Wasserwegen geplant. Deutschlands Wasserstraßen sollen wieder naturnaher werden. Dabei hilft auch die Not zur Tugend. Eigentlich bedürften zahlreiche Wehre und Schleusenanlagen einer Runderneuerung. Doch konzentriert sich der wirtschaftlich notwendige Schiffsverkehr auf den Hauptwasserstraßen. Deshalb sollen Freizeit und Erholung auf den Nebenwasserstraßen einziehen. Das Programm unter dem Titel „Blaues Band Deutschland“ fördert daher bis 2030 auf diesen Nebenflüssen touristische Erschließung und Renaturierung anstatt Runderneuerung der Anlagen.

Rhein, Main, Donau, das sind die kaum überraschenden „Autobahnen“ für den Frachtschiffverkehr, aber auch Mosel, Mittellandkanal, Elbe-Seitenkanal, ein Teil des Neckar und ein Stück der Elbe gehören dazu. Das ist die Oberliga, aus Sicht der Wirtschaft, Kategorie A des Bundeswasserstraßennetzes. Rund 5000 Schiffe bewegen über dieses 4500 Kilometer lange Bundeswasserstraßennetz 221 Millionen Tonnen Güter pro Jahr. Damit ersparen sie dem 13.000 Kilometer langen Autobahnnetz jährlich 29 Millionen Lkw-Fahrten. Sie sind über Kanäle verbunden und verbinden damit Nordsee, Schwarzes Meer, Ballungsräume, Hamburg, Ruhrgebiet, Niederrhein, die Rhein-Main- oder Rhein-Neckar-Region.

Wer A sagt muss auch B sagen: Schon Weser und Ems fallen gemäß der Kosten- Nutzen-Analyse des Verkehrsministeriums in diese zweite Kategorie.

Viele der so genannten Nebenwasserstraßen nutzt der Frachtverkehr heute nicht mehr. Saale, Eider und Aller listet das Bundesverkehrsministerium ebenso in der Kategorie C auf wie den Elisabethfehnkanal. Flüsse die vielfach für die Schifffahrt Sackgassen sind wie Werra und Fulda. Oder einfach gering frequentiert wie Leine, Finowkanal oder die Gülper Havel. Beispielsweise fallen sogar alle Wasserstraßen von und nach Berlin in diese niedrigeren Kategorien. Aufwand für Neubauten und Ersatzinvestitionen überstiegen dabei die  Ressourcen, beklagt das Ministerium, bei nur noch überschaubarem Nutzen.

Mit dem Ziel der Renaturierung hat das Verkehrsministerium nun ein Vorhaben auf den Weg gebracht, diese Kleinode dem naturnahen Tourismus zu öffnen. Einerseits schaffen überfällige Ersatzinvestionen und Vorgaben der EU Handlungsdruck. Andererseits entsteht da gerade eine Möglichkeit, Tourismus ins eigene Land zu holen als auch Lebensqualität und Arbeitsplätze zu schaffen. Unterstützend hatte das Umwelt- und Naturschutzministerium bereits 2018 ein Förderprogramm zur Renaturierung von Auen in die Spur gesetzt. Das „Förderprogramm Auen“ richtet sich in erster Linie an Naturschutz- und Umweltverbände sowie Landkreise und Kommunen. Das Bundesumweltministerium stellt dafür bereits im laufenden Haushalt 2019 4 Millionen Euro zur Verfügung.

Angestrebt sind für das Projekt „Blaues Band Deutschland“ vor allem regional wirksame kleine Verbesserungen, wie Einrichtung von Liegeplätzen, Einsetzstellen oder Bootsgassen – vor Netzverbesserungen oder Maßnahmen an Schleusen. Denn einen Anspruch auf Erhaltung des Verkehrs haben die Anrainer nicht. Für Investionen ist vor allem an Reviere mit hoher touristischer Bedeutung gedacht. In stark genutzten Gewässern ist die Freizeitschifffahrt der Nebeneffekt, wo der Schleusenbetrieb sichergestellt bleibt. Wenig genutzte Wasserstraßen sollen hingegen naturnah auf möglichst motorlose Freizeitnutzung umgestellt werden. Die vorgesehene Renaturierung geht einher mit dem vorgesehenen Rückbau oder Umbau von Schleusen.