17. Mai 2019
Anastasia Bergstern

Hellersdorf ist nicht die Bronx! Kurz vor der Wende besiedelte auch Bildungsbürgertum das neu geschaffene Plattenbauviertel am nordöstlichen Ende Berlins. Äußerster Stadtrand, kein Wannsee, keine Bungalows, ein paar Problemviertel: Den besten Ruf hat Hellersdorf trotzdem nicht in Berlin. Den Ruf, den Hochhausviertel halt so haben. Gerade hier entstand 2013 eine einzigartige Bildungseinrichtung, ein Leuchtturm am Rand. Kinderforscherzentrum Helleum heißt der unspektakuläre Flachbau in der unspektakulären Kastanienallee. 200 Quadratmeter voll von unspektakulären Haushaltsgerätschaften und allerlei merkwürdigen Aufbauten. Gefördert haben das Projekt alle Institutionen von Rang und Namen: Bundesregierung, Technologiestiftung Berlin, Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Berliner Bildungssenat, die EU, Firmen, Stiftungen, Hochschulen, Wohnungsbauunternehmen und so weiter. Aus dem Versuch „Kinder experimentieren lassen im Plattenbauviertel“ wurde in kürzester Zeit ein Vorzeigeprojekt, in hoher Zahl heimgesucht von Lokalpolitikern, Wissenschaftlern und Bildungsexperten. Pädagogen aus aller Welt geben sich hier die Klinke in die Hand. Professoren kommen zu Besuch, von Japan bis Südamerika – und beginnen mit leuchtenden Augen zu spielen. Wenn sie ein Eckchen dafür finden, denn die Einrichtung ist über das ganze Jahr durch Kindergärten und Schulklassen ausgebucht.

„Kinderforscherzentrum, nicht Kinderforschungzentrum“, stellt Professor Dr. Hartmut Wedekind richtig, einer der Ideengeber für das Helleum von der nahen Alice-Salomon-Hochschule und wissenschaftlicher Projektleiter. „Hier wird nicht über Kinder geforscht, sondern hier forschen die Kinder“, erklärt er das Konzept. „Hier heißt es: Anfassen erlaubt, das ist sogar Sinn und Zweck der Sache“. Dinge fühlen, erleben, kennenlernen und begreifen im wahrsten Wortsinne. Im Mittelpunkt steht das forschende Lernen. Dinge tun, zu denen handyaffine Stadtkinder häufig keinen Bezug mehr haben: Dem Wasser im speziellen Spülbecken Dämme bauen und an anderen Stellen wieder einreißen, mit Luftballons und einem Föhn herum experimentieren. Fallschirme basteln und ausprobieren. Acht bis zehn Stationen im Raum bieten Zugänge zu verschiedensten Themen und keine Anleitung. Die Kinder sollen selbst ergründen, was passiert. Heißluftballons mit der Kraft der Sonne zum Aufsteigen bringen oder mit dem Brennglas Löcher ins Papier schmoren. Puste- und Hörexperimente mit zersägten Flaschen, Schläuchen und Abzweigungen. Probieren was Schaumküsse im Vakuum tun. Versuche mit Glibber gehören ebenso dazu wie Flaschenzüge ausprobieren, Computer demontieren und Bauteile zusammen löten. Zu den Rennern gehört Bälle verschießen mit dem Katapult. „Es ist unglaublich, was Kinder entdecken, wenn man ihnen Zeit und Raum dafür gibt“, sagt dazu die Geschäftsführerin Olga Theisselmann.

Alles profane aber wichtige Experimente, an deren Ende die Experimentatoren die Welt wieder ein bisschen besser verstehen. Zusammenhänge erkennen und Naturgesetze erleben. Wie während des Eisworkshops, bei dem die Kinder mit Eisquadern in doppelter Schreibpapiergröße machen konnten was sie wollten. Manche wurden zu Bildhauern und setzten den Blöcken mit Säge und Stechbeiteln zu, die Feingestaltung erleichterte der Föhn. Zufällig waren im Umfeld andere Experimente aufgebaut, wie das Schneiden eines Eisblocks mit Draht. Oder ein eisbeladenes eiszeitliches Modell des Berliner Urstromtals nebst Erläuterung, warum das Eis irgendwelche Endmoränen vor sich hergeschoben hat und was heute davon übrig ist. Natürlich konnten die Schüler den Unterschied ergründen, was passiert, wenn man einen kleinen Eiswürfel in den Schnee wirft und einen anderen dem Mitschüler in den Kragen steckt. Und wenn die Finger noch so klamm sind.

„Auch in Japan wird umfassend Denken und der frühe Umgang mit dem Computer gelehrt“, gibt einer der Besucher zu Protokoll, „doch die Kinder machen keine direkten Erfahrungen mehr“. Prof. Dr. Takaaki Sonoda forscht eigentlich am Institut für chemische Materialkunde und Ingenieurswesen an der japanischen Kyushu-Universität in Kyudai an der Verbesserung von Batterietechnik. Seine zweite Visitenkarten weist ihn als Kaleidoskop-Missionar aus. Mit seinen Kaleidoskop-Baukästen reist er um die Welt und ermöglichte in Workshops auch Kindern im Helleum den selbst gebauten und farbenfrohen Blick in die Unendlichkeit. Allmählich begreift dann der unbedarfte Berichterstatter, mit welcher Motivation Technologiestiftung Berlin, Senatsverwaltung für Bildung, Bundesregierung oder Hochschulen den Aufbau einer Spielbude fördern.

Zielgruppe des Helleums waren bisher Kindergarten- und Grundschulkinder. Also genau jene, die mit dem Begriff Naturwissenschaften noch nichts anzufangen wissen, aber zwei gesunde Hände und einen Kopf zum Denken haben. 2019 soll endlich dazu kommen, was schon 2013 angekündigt war: Ein Erweiterungsbau für Schüler von den siebten Klassen an aufwärts.

In Ferien, Workshops und Projekttagen stehen die Türen des Helleums auch anderen Kindern als organisierten Schulklassenbesuchen offen. Erwachsenenprogramme sind Fortbildungen und Tagungen – und bei Nachholbedarf die freien Workshops zwischen den Kindern.