10. Mai 2019
Anastasia Bergstern

Bildung haben sie bekommen, die Babyboomer-Generation, und dadurch einige Erfolge. Das allmählichen Verschwinden der Elterngeneration bringt häufig Erbschaften auf das Konto – bei oft unterirdischen Rentenaussichten. Das treibt viele auf den Geldanlagemarkt: auf die Suche nach Renditen, die das Sparbuch übertreffen.

Stefan ist 48, Elektroingenieur, das Haus in Kürze abbezahlt, die Kinder noch nicht flügge. 32.000 Euro spülte ihm die Erbschaft unlängst aufs Konto. Von seinen 5000 Euro Einkommen bleiben ihm nach Ehegattensplitting 800 Euro übrig, die er in die Zukunft investieren kann. Langfristig muss an die Zeit ab der Rente gedacht werden. Aber mittelfristig kann immer was am Haus passieren oder die Kinder Starthilfe für das Studium brauchen oder andere Unwägbarkeiten des Lebens. Ein Teil der Anlagen muss für die Familie deshalb auch eilig liquidierbar sein.

Der Markt hält einen Dschungel von Möglichkeiten bereit. Nur Sparbuch oder Lebensversicherung scheiden für den Elektroingenieur auf jeden Fall aus. Jedes andere Investment hat seine Vorteile und seine Tücken.

Zum ersten stößt Stefan auf Genussrechte für eine Beteiligung an einem Unternehmen. Das bietet ihm regelmäßige Rendite als Anteil des Bilanzergebnisses, ohne sich um irgendetwas kümmern zu müssen. Das operative Geschäft überlässt er der Firma. Mitbestimmungsrechte wie die eines Aktionärs bleiben ihm verwehrt. Bleibt der Gewinn aus oder werden gar Verluste eingefahren, dann fehlt er auch auf Stefans Konto. Allerdings hat ihm die Firma ein Nachzahlungsrecht eingeräumt, die Renditen nachzuzahlen, wenn sich in den Folgejahren die Einnahmesituation verbessert. In der Laufzeitfrage bietet ihm die Firma verschiedene Modelle an. So kann er mit geschickter Staffelung Ablaufzeiten kombinieren und kurzfristig einen Puffer zuhause halten. Nur pleite gehen sollte die Firma nicht. Dann ist auch sein eingesetztes Kapital im Wind.

Mit guten Zinsen bei Investitionen in Nachrangdarlehen lockt ein anderer Anbieter. Wirtschaftliche Schwankungen betreffen ihn da nicht, er bekommt einen festen Zins. Der liegt 11 bis 14 Prozent über dem banküblichen Niveau. Sollte allerdings eine Krise die Firma vom Markt fegen, tritt seine Rückzahlung hinter die Forderung der anderen Gläubiger zurück: Banken, Krankenkassen, Mitarbeiter. Erst wenn die bedient sind und noch Geld übrig, kommen die Nachrangdarlehensgeber zum Zuge. Mitunter ist da noch Gestaltungsspielraum: Man unterscheidet den einfachen Rangrücktritt hinter die Forderungen aller anderen Gläubiger (hinter das sonstige Fremdkapital) und den qualifizierten Rangrücktritt in den Rang des Eigenkapitals. Auch hier lohnt geschickte Staffelung der Ablaufzeiten, denn gebunden ist gebunden. 12 Prozent Zinsen sorgen für eine Verdoppelung des eingesetzten Kapitals nach gut 6 Jahren – wenn Zinsendienst oder die gesamte Forderung nicht ausfallen. „Gier frisst Hirn“, sagt dazu der Pressesprecher der KD-Bank in Dortmund. „Höhere Zinsen sind immer der Ausgleich für höheres Ausfallrisiko. Bei 3 Prozent Zinsen fragen die Kunden, ob ihr Geld sicher ist. Bei 50 Prozent nicht.“

Fonds sind in aller Munde. Die Risiken sind bei offenen Fonds geringer: Eine Fondsgesellschaft sammelt das Kapital kleiner Anleger ein wie das von Stefan und investiert es in verschiedene Standbeine, die sie für besonders lukrativ hält. Ob das Anleihen sind, Aktien oder Immobilien kann dem 48-Jährigen egal sein. Je nach Erfolg schwankt jährlich der Ertrag, bringt jedoch regelmäßig relativ sicheren Gewinn. Gerade Immobilienfonds werden als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen, was die Sicherheit erhöht. Bricht eines der Standbeine weg, bleiben normalerweise genügend andere übrig, um den Teilverlust überschaubar zu halten. Mindestens jährlich erreicht Stefans Familie ein Bericht über die Fondsentwicklung. Das schreibt der Gesetzgeber vor. Fondsmanager, Gebühren, Berichtspflichten und alles was daran hängt kostet allerdings auch einen Teil des erzielten Gewinns. Die Sicherheit geht auf Kosten der Rendite. Und was bei einem Sturmschaden für Stefan wichtig werden könnte: Börsentäglich können die Anlagen liquidiert werden.

Geschlossene Fonds tragen den Nimbus des Unwägbaren und können doch ganz profane Hintergründe haben: Schiffbau zum Beispiel, wenn das Kapital fern des deutschen Gesetzgebers über die Weltmeere schippert. Ein Taifun kann der Untergang sein. Oder Filmproduktionen. Die zum Blockbuster werden oder zum Flop. Hohe Rendite, hohes Risiko, lautet die Grundregel. Der Anbieter muss einen Verkaufsprospekt erstellen, in verständlicher Sprache, damit Anleger Art und Risiken des betreffenden Fonds verstehen. Das sind Informationen zum Fonds selbst, dessen Verwaltungsgesellschaft, Anlagezielen und Anlagepolitik, zum Risiko- und Ertragsprofil als auch zu den Kosten und Gebühren und zur bisherigen Wertentwicklung  Wenn der Fonds voll ist, dann ist er voll. In der Regel kann der Anteil auch nicht an den Anbieter zurückgegeben werden: Feste Fondslaufzeit, und fest heißt dann auch fest. Das Ziel der Investition ist im Verkaufsprospekt festgeschrieben. Zu regelmäßigen Berichten ist der Fondsbetreiber dann nicht mehr verpflichtet. Dafür kommen die Erträge direkt den Anlegern zugute, völlig unabhängig von den Börsenmärkten. Für den Erfolg ist die gesamtwirtschaftliche Lage nicht unbedingt von Bedeutung, für den Misserfolg ebensowenig. Noch etwas ist in Geschlossenen Fonds von Belang: Schwarze Schafe und windige Angebote tummeln sich in diesem Bereich zuhauf. Und das Totalverlustrisiko gibt‘s gratis dazu.

Genussrechte standen auf Stefans Prioritätenskala ganz oben. Aber der Gewinner von gestern kann – siehe Dieselskandal – von heute auf morgen zum Loser mutieren. Am Ende hat er sich für die offenen Fonds und ihre Sicherheit entschieden. Teakholzplantagen in Panama hätten im geschlossenen Fonds höher rentiert, doch Panama ist weit entfernt. Die 6-Prozent-Verzinsung im offenen Fonds lässt ihn zwar 13 Jahre auf die Kapitalverdopplung warten. Doch das toppt immer noch den Bankzins um ein Vielfaches, und mit einiger Wahrscheinlichkeit ist in 13 Jahren das doppelte Geld auch noch da, anstatt im Orkus. Dann ist er 61, die Kinder ausgeflogen. Dem nächsten Wirbelsturm über seinem Schindeldach kann er einigermaßen beruhigt entgegen sehen. Und im Ernstfall ist schnelles Geld für den Dachdecker da.