14. November 2018
Anastasia Bergstern

Was sich so frech und einfach anhört, ist ein Öko-Skandal von besonderem Ausmaß, in den die Ukraine verwickelt ist, weil dort große Mengen illegal gerodeter Nadel- und Edelholzbäume heimlich verladen und nach Westeuropa oder nach Rumänien in europäische Holzbetriebe gebracht werden. Obwohl es Artenschutz gibt, Holzverordnungen und limitierte Rodungszeiten. Trotzdem wird das Holz, welches bei uns fehlt und im Import sehr teuer sein kann, dort über professionelle, illegale Anbieter gestohlen und verfrachtet. Die Holzmafia verdient Unsummen in einem Land, wo man nur mit Korruption reich werden kann. Und das haben sich einige Wenige zunutze gemacht und bedienen so den deutschen und europäischen Holzmarkt.

Immer wieder ist das Erstaunen groß, wenn ukrainische Forstarbeiter und Umweltschützer die Waldbestände kontrollieren: Im Mokrjanske-WaId geht es offenbar nicht mit rechten Dingen zu. Nach dem Tipp eines Waldarbeiters brechen der Umweltaktivist Dmytro Karabtschuk und seine Mitstreiter in die abgelegenen ukrainischen Karpaten auf, um sich ein Bild von der Abholzung zu machen. Über eine unbefestigte Huckelpiste erreichen sie einst dichte Wälder, in denen sich nun kahle Flächen ausbreiten wie Krebsgeschwülste. Als die Umweltaktivisten eine Brücke über ein Flüsschen überqueren wollen, tauchen plötzlich Waldarbeiter auf und blockieren die Zufahrt zur Rodungsstelle. Die muskelbepackten Männer sind außer sich vor Wut, sie fürchten um ihren Job. Erst in der Morgendämmerung gelingt es einigen der Naturschützer, sich in das abgeriegelte Waldstück zu schleichen. Durch die Nebelschwaden sehen sie heimlich dabei zu, wie Baum um Baum fällt. »An diesem einen Vormittag haben sie über hundert Nadelbäume gefällt«, sagt Karabtschuk, der für ein ukrainisches Waldschutzprojekt des World Wide Fund for Nature arbeitet. »Und das auch noch außerhalb der offiziellen Rodungssaison.« Die groß angelegte Abholzungsaktion ereignete sich Anfang Juli. Ein solcher Kahlschlag wird auch aus anderen Wäldern der Karpaten berichtet. Gerechtfertigt wird er meist damit, dass die Bäume krank gewesen seien, ihr Holz noch rechtzeitig vor der Entwertung genutzt und benachbarte Bäume vor Schädlingen geschützt werden sollen. Doch stimmt das? Allein im Mokrjanske Wald fielen allein in den Jahren 2015 und 2016 mehr als 600 Hektar einem solchen »Sanitärhieb« zum Opfer, wie Gutachter des Nachhaltigkeitssiegels Forest Stewardship Council (FSC) bereits im vergangenen Jahr kritisierten. Mancherorts werde mehr gerodet als nachwachsen könne, warnten die FSC-Gutachter.

Kontrollen werden ignoriert

Trotz der Ermahnung durch den FSC ging der Kahlschlag offenbar weiter. Dass die langen Dürreperioden der vorigen Sommer speziell die Nadelbäume geschwächt haben, bezweifelt auch WWF-Mann Karabtschuk nicht. Doch aufgrund seiner aktuellen Vor-Ort-Recherche schätzt er, dass knapp die Hälfte der Bäume so gesund war, dass sie hätten stehen bleiben müssen. Ob es jemals zu einer unabhängigen Untersuchung kommen wird, ist fraglich. Das staatliche Unternehmen Mokrjanske Forstwirtschaft, das für die Abholzungen verantwortlich ist, hat sich aus dem FSC-Programm zurückgezogen, das bislang dazu diente, das Holz aus dem Wald als ökologisch wertvoll zu verkaufen. Die ukrainischen Wälder sind für ihre wildwüchsige Schönheit berühmt. Sie bieten Luchsen, Braunbären, Adlern und Wölfen Heimat, auch bedrohte Arten wie der Europäische Nerz und das Europäische Wisent finden hier Zuflucht. Sogar Teile der ursprünglichen Buchenurwälder sind erhalten geblieben, sie zählen zum Unesco Weltnaturerbe. Satellitenbilder zeigen, dass sich die Waldfläche der Ukraine allein in den Jahren 2016 und 2017 um 193 000 Hektar verringert hat. Dass ukrainische Holzfäller in FSC-zertifizierten Nutzwäldern mehr abholzen, als es nach dem tatsächlichen Gesundheitszustand der Bäume angezeigt wäre, legt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der britischen Umweltorganisation Earthsight nahe. Monatelang hat ein internationales Expertenteam im Auftrag von Earthsight in verschiedenen Regionen der Ukraine den Zustand von Bäumen und Stümpfen auf Sanitärhieb-Rodungsplätzen untersucht. In 14 von 18 Fällen bewerteten die Inspektoren die Rodungen als unangebracht oder zumindest als fraglich.

Auch deutsche Firmen sind verwickelt

Die Liebe der Deutschen zum Wald ist legendär. Doch die Earthsight-Studie belegt: Der Holzhunger der Westeuropäer hat in der Ukraine mafiaähnliche Strukturen hervorgebracht, durch die die geltenden Waldschutzauflagen auf vielfältige Weise ausgehebelt werden. Holz bekannter Baumarktketten, Kopierpapier und sogar Markenkleidung aus Viskosefasern — dafür könnten Bäume in der Ukraine illegal gefällt worden sein. Sanitärhieb ist dabei ein verbreiteter Trick, um die Waldschutzauflagen zu umgehen, die sicherstellen sollen, dass nicht mehr Bäume gefällt werden, als nachwachsen können. Wenn das Holz in den Export geht, sind die Profite besonders hoch — vor allem dann, wenn das angeblich minderwertige Holz kranker Bäume in Wahrheit von gesunden Bäumen stammt. Auf dem Papier gelten auf beiden Seiten der EU-Außengrenze umfassende Vorschriften zum Waldschutz. So müssen  Holzimporteure nachweisen, dass sie ihre Ware aus legalen Quellen beziehen. Und schon vor drei Jahren hat Kiew den Export von Qualitätsrundholz mit dem Zollcode 4403 verboten, um die eigene Holzindustrie vor der übermächtigen ausländischen Konkurrenz und ihre heimischen Wälder vor dem Ausverkauf zu schützen. Gebracht hat das alles wenig. In Tscherniwzi, 35 Kilometer entfernt von der Grenze zu Rumänien, ist beinahe täglich zu besichtigen, wie schwer sich das Exportverbot für Rundholz durchsetzen lässt. Am Bahnhof stehen Güterwaggons mit gerade gewachsenen Stämmen auf dem Weg in die EU. Woher kommen all die Rundhölzer? Dies versucht der Waldschützer Mykola Petitschenko aufzuklären, ein Mittvierziger mit rundem Gesicht, der am liebsten Tarnanzug trägt. Der Forstwirt kämpft seit Jahren gegen die Korruption und ihre Profiteure von Kiew bis Brüssel. Im Mai haben Unbekannte ihn mit einem Hammer krankenhausreif geschlagen. »Unsere Forst- und Zollbeamten bauen sich trotz ihres mickrigen Soldes jetzt Villen«, sagt Petitschenko. »Und die europäischen Holzkonzerne bekommen hochwertiges Holz zu einem lächerlich niedrigen Preis.« Wie weit die illegalen Machenschaften rund um Tscherniwzi am Rande der Waldkarpaten reichen, zeigte sich im vergangenen Oktober durch eine spektakuläre Festnahme. Der Leiter der regionalen Forstbehörde war auf frischer Tat ertappt worden, als er Polizisten Schmiergeld in Höhe von 10 000 US-Dollar monatlich anbot, damit sie die Regelverstöße in den staatlichen Forstbetrieben unter seiner Verwaltung übersehen.

Bemerkenswert ist der Fall, den Petitschenko im vergangenen Jahr aufgedeckt hat. Es begann damit, dass er am Bahnhof von Tscherniwzi einen auffälligen Güterzug fotografierte. Die Waggons waren stark beschädigt, teilweise fehlte sogar die vorgeschriebene Zulassungsaufschrift. Durch ein riesiges Rostloch in der Seitenwand eines blassblauen Waggons mit der Zulassungsnummer 66813619/22 waren Baumstämme zu erkennen. Mitstreiter verfolgten diesen Güterzug mit Waggons ohne Zulassungsaufschrift auf dem Weg gen EU. Unbeanstandet vom Zoll rollte er über die Grenze nach Rumänien. Wie ist so was möglich? Oberst Marko Streltschuk war jahrelang in der Zollkontrollstelle in leitender Position tätig. »Diese Waggons hätte man längst aus dem Verkehr ziehen müssen«, sagt er. »Aber die Korruption blüht an allen Grenzen unseres Landes. Unsere Chefs sprechen sich mit den Chefs auf rumänischer Seite ab.  Und dann klappt das.« Am Ende nahm der Güterzug Kurs auf die Stadt, in der der Holzkonzern Egger sein Betriebsgelände hat: das rumänische Radauti, nahe der ukrainischen Grenze. Das österreichische Unternehmen (Jahresumsatz: fast 2,7 Milliarden Euro) gilt als wichtigster Importeur von ukrainischem Holz. Auf Anfrage lässt es über seinen Anwalt mitteilen, dass es sich bei dem Holz des fotografierten Waggons Nummer 66813619 um FSC-zertifiziertes Brennholz aus dem Herkunftsland Ukraine gehandelt habe: »Egger führt umfassende Kontrollen durch, damit gewährleistet ist, dass Egger kein Holz kauft, welches aus illegalem Holzeinschlag stammt.«

Doch die Earthsight-Recherchen legen nahe, dass der Weg, auf dem das Traditionsunternehmen sein Holz bezieht, zumindest dubios ist. Laut rumänischen Zolldaten hat Egger im Jahr 2017 jeden Monat rund 25 000 Tonnen Holz aus der Ukraine importiert, das als »4403« deklariert war: Das Kürzel steht für »unbearbeitetes Rundholz«, dessen Export die Ukraine unter Strafe stellt. Offiziell kann es die Ukraine daher nur als »Brennholz« (Zollcode 4401) verlassen haben. Von »unzulässigen Manipulationen des Zollcodes« könne keine Rede sein, rechtfertigt sich der Konzern: »Egger hat zu keinem Zeitpunkt sägefähiges Rundholz, welches unter das Exportverbot der Ukraine fällt, importiert.« Alles sei nur ein »Missverständnis«, weil Rumänien Holz fast immer als 4403 kennzeichne und anders als die Ukraine nicht zwischen Brennholz und Rundholz unterscheide. Die Zollverwaltung in Tscherniwzi jedoch geht mitnichten von einem »Missverständnis« aus, wenn das Rundholz an der   ukrainisch-rumänischen Grenze seinen Zollcode ändert. Sie beschuldigt drei staatliche Forstunternehmen, Rundholz mit dem Zollcode 4403 nach Rumänien exportiert zu haben, das als Brennholz fehldeklariert gewesen sei — mit »Dokumenten, die falsche Informationen über den Zollcode und den Wert des Produktes enthielten«. Die Zollbehörde stuft die Unterbewertung des ukrainischen Exportholzes als »administrative Straftat« ein. Schadenshöhe: umgerechnet 860 000 Euro.

Den Egger-Konzern haben weder diese Ermittlungen noch die Verhaftung des mutmaßlich korrupten Chefs der Forstverwaltung im vergangenen Jahr dazu gebracht, die Geschäftskontakte mit der in Verruf geratenen Forstregion in der Westukraine einzustellen. Immerhin lässt der Konzern wissen: »Selbstverständlich wird Egger diesen Vorgang weiter beobachten und ggfs. erforderliche Konsequenzen ziehen.« Die ukrainischen Behörden leugnen die Missstände in ihrem Land nicht mehr. Laut dem Regulierungsbüro BRDO existieren 12 000 illegale Sägewerke, die fast ausschließlich für den Export arbeiten. Die Zahl der legalen Sägewerke liegt nur bei 9200. Das führt in der Außenbilanz der Ukraine zu einer erstaunlichen Exportholz-Vermehrung: Die Ukraine exportierte 2016 50 Prozent mehr Schnittholz, als die Sägewerke des Landes überhaupt legal produzieren. Nach Berechnungen von Earthsight gelangen etwa 40 Prozent des Importholzes aus der Ukraine nur mithilfe illegaler Praktiken in die EU. »Die Fakten sind schrecklich«, teilte der ukrainische Premierminister Wolodymyr Hrojsman nach der Veröffentlichung der Earthsight-Studie mit. Er hat groß angelegte Inspektionen der staatlichen Forstunternehmen angekündigt. Die deprimierenden Fakten sind in Brüssel ebenfalls bekannt. In einem Bericht an das Umweltdezernat der EU-Kommission wird die Ukraine als ökologisches »Hochrisikoland« eingestuft: »Ein substanzielles Korruptionsrisiko kann an jedem Punkt der Lieferkette und in allen Landesteilen festgestellt werden.«