24. September 2018
Denys Sokolow

Kennen Sie die Faszien als wichtiger Bestandteil unseres Körpers? „Die was?“, fragen sich nun viele unter uns, obwohl die Lösung beinahe schon im Wort drin steckt. Die Fasern nämlich, oder das Bindegewebe – Alleskönner mit ungeahnten Eigenschaften. Faszien (aus dem Lateinischen kommend als Bündel oder Band übersetzt) haben neben ihrer funktionellen Struktur noch wichtige andere Eigenschaften und Aufgaben wie Steuerung des Schmerzempfindens, Kraftübertragung, Einflussnahme auf das Wohlbefinden im physischen wie psychischen Bereich und Wahrnehmung des Körpers. So wichtig, und dennoch so wenig bekannt.

Unsere Haustiere zum Beispiel machen es richtig und regelmäßig. Wie Hugo, er räkelt sich, streckt die Glieder, dehnt die Muskeln. Dann gähnt er herzhaft und springt im nächsten Moment geschmeidig vom Sofa. Hugo ist mein Kater, und ich sollte mir wohl besser ein Beispiel an ihm nehmen. Denn Räkeln und Dehnen, entdeckten Wissenschaftler, halten beweglich und beugen Schmerzen vor. Weil unsere Faszien dadurch elastisch bleiben – das sind jene Fasern, die man früher schlicht nur Bindegewebe nannte.

Faszien durchziehen den Körper von der Schädeldecke bis zur Fußspitze, denn sie umhüllen Knochen, Muskeln und Organe, Sehnen, Bänder und Gelenkkapseln – wie ein netzartiges Gitter in 3-D. Gebaut vor allem aus reißfestem Kollagen und dehnbarem Elastin, schützt es den Organismus, wie es  Stoßdämpfer tun, und unterstützt zudem die  Immunabwehr. Für Wissenschaftler weltweit ist dieser jahrzehntelang unbeachtete Füllstoff zu einem der spannendsten Forschungsfelder geworden. „Wir wissen inzwischen, dass Faszien ein bedeutendes Kommunikationssystem in unserem Organismus sind und unser wichtigstes Sinnesorgan, unser sechster Sinn“, sagt Dr. Robert Schleip. Der Humanbiologe und Diplompsychologe an der Universität Ulm untersucht seit 2003, wie Faszien beschaffen sind und wirken, er gilt als deutscher Pionier auf diesem Gebiet.

Belegen kann er, dass vor allem die Faszien in der Knochenhaut sowie in und um Muskeln mit zahlreichen Sensoren ausgestattet sind. Diese „Mechanorezeptoren“ nehmen Bewegungen, Druck, Dehnung und Veränderungen im Körper, auch Schmerzsignale wahr. Diese Reize gelangen über das vegetative Nervensystem direkt ins Gehirn, dorthin, wo Körperwahrnehmungen mit Emotionen verknüpft werden. „Es gibt kein Gefühl ohne Reaktion im Körpergewebe und umgekehrt“, sagt Dr. Hanne Heiß-Kimm, Expertin für komplementäre Schmerzmedizin am Neurozentrum der Universität Ulm. Das ist in Günzburg, wo sich auch die neurochirurgische Klinik der Universität befindet.

Auf negative Gefühle reagiert das Fasernetz häufig, indem es sich zusammenzieht. Denn Faszien besitzen muskelartige, „kontraktile“ Zellen, die das Gewebenetz eigenständig fester zurren. Dadurch können die Maschen verkleben – die Gewebestruktur verändert sich, sie wird fester und büßt ihre Flexibilität ein. Dann degenerieren die leicht gewellten Fasern des elastischen Gitters zu einem verfilzten Knäuel. Die Folge: Wir fühlen uns steif und unbeweglich. „Als wenn wir ein zu enges Unterhemd anhätten, das im heißen Trockner eingelaufen ist“, erklärt Humanbiologe Robert Schleip. Wird das Gewebe zu fest, tut das weh. Auf Stress reagieren die Fasern besonders sensibel. Das erkannten die Forscher, indem sie im Labor Faszienstücke in Organbäder spannten, um ihre Reaktion auf chemische Substanzen zu testen. Am stärksten wirkt der Kontakt mit dem Botenstoff TGF-beta-1. Den schüttet der Körper vermehrt aus, wenn wir über längere Zeit gestresst sind, das Bindegewebe wird fest und steif. Auch kortisonhaltige Medikamente machen die Fasern spröde. Entzündungshemmende Stoffe wie Acetylsalicylsäure (z. B. Aspirin) haben hingegen eine positive Wirkung.

Sind Faszien an einer Stelle verfilzt, setzen sie von dort aus selbst noch Botenstoffe frei, die zu Veränderungen und Stressreaktionen im gesamten Netz führen. Dann kann die Narbe der Blinddarm-OP Jahre später noch die Hände unangenehm kribbeln lassen. „Psychischer Stress und mechanischer, also Entzündungen im Bereich der Nasennebenhöhlen oder Zähne, ein veränderter Stoffwechsel, eine Dysbalance der Schilddrüsenhormone, Vitamin-D-Mangel, eine Narbe oder Umweltgifte – alles beeinflusst die Faszien-Matrix“, sagt Schmerzmedizinerin Hanne Heiß-Kimm.

Ernährung spielt auch eine wichtige Rolle. Denn alles, was den pH-Wert im Gewebe nur minimal in den sauren Bereich verschiebt, hinterlässt seine Spuren im Fasernetz. Ebenso beeinflusst der Wassergehalt im Körper das Bindegewebe, denn dort wird es gespeichert. Sinkt der Flüssigkeitsanteil mit dem Alter (ein Baby hat 80 Prozent Wasser im Körper, ein Senior hingegen nur etwa 50 Prozent), trocknen die Faszien aus, verhärten sich, werden spröde und brüchig. „Das Bindegewebe verriegelt sich“, erklärt die Medizinerin. „Manchmal fühlt der Körper sich dann an, als stecke er in einer Rüstung, jede therapeutische Maßnahme scheint abzuprallen.“ Die Folge: Es knackt in den Gelenken, die Beweglichkeit der Wirbel ist eingeschränkt, das Kreuz tut weh.

„80 Prozent aller Rückenschmerzen haben weder etwas mit Bandscheiben noch Muskeln zu tun“, sagt Robert Schleip. „Ihre Ursache liegt häufig in den Faszien in der Körpermitte.“ Dort verbinden sich quer verlaufende Fasern, die mit Armen und Beinen in Verbindung stehen, mit der großen Rückenfaszie – ein rautenförmiges Netz, das vom Bauchnabel bis zur Wirbelsäule reicht. „Wer Beschwerden vermeiden will, sollte deshalb nicht nur die Rückenmuskeln trainieren, sondern den Rumpf in diesem Bereich stabilisieren“, rät der Experte.

Geschmeidig hält die Faszien Bewegung. Ein sportlicher Kraftakt ist dafür nicht nötig, nur sanftes Dehnen. Die Fasern können sich dann nämlich erneuern. Denn Spannung und Entspannung geben den Bindegewebszellen, den Fibroblasten, den Impuls, frisches Kollagen zu bilden und ihre gesunde Struktur zu erhalten. „Wer sich nicht bewegt, verklebt“, mahnt Forscher Robert Schleip. Ist das Gewebe bereits verfilzt, hilft Dehnen ebenfalls, weil das Recken und Strecken Mikrorisse in den verhärteten Fasern erzeugt. Heilen sie aus, kann sich die Struktur Stück für Stück regenerieren. Zwischen zwei Übungseinheiten sollte allerdings immer eine erholsame Pause von mindestens zwei Tagen liegen.

Hilfreich bei der Bekämpfung von Gewebefilz können spezielle Faszienrollen sein. Werden schmerzende Körperteile damit bewusst langsam behandelt, wird ein Teil des Wassers aus dem Gewebe gepresst. Dadurch entsteht ein Unterdruck, zurück fließt daher mehr Wasser, das die trockenen Faszien befeuchtet. Außerdem scheint das Rollen, so Forschungsergebnisse, Zellen im Bindegewebe zu aktivieren, die Hyaluronsäure produzieren, sie verbessert die Gleitfähigkeit der Faszien. Zu 80 Prozent, sagt Biologe Robert Schleip, lässt sich Faszienfilz durch konsequentes Training regenerieren und das in jedem Alter!

Besser jedoch, wir beugen vor. „War der Tag stressig und bewegungsarm, sollte er mit langsamen Dehnungen ausklingen“, empfiehlt Schleip. Atemübungen, bei denen die Ausatmung verlängert wird, beseitigen zudem einen Säureüberschuss. Man lernt nie aus, und sollte sich mit den verschiedenen Facetten des menschlichen Körpers von Zeit zu Zeit mal beschäftigen, dann findet sich für manches unbekannte Problem oft eine Lösung.