19. Juli 2018
Gabriela Litzenburg

Unter der Bezeichnung „Fertigungsverfahren Stereolithografie“ hat Charles Hull vor mehr als 30 Jahren ein Verfahren entwickelt, und damit eine Technik begründet, die man heutzutage einfach „3-D-Druck“ (dreidimensional) nennt. Das herkömmliche Abtragen von Material durch Fräsen oder Bohren wurde ersetzt durch Hinzufügen von Material. Im Falle der Stereolithographie wird ein lichtaushärtender Kunststoff von einem Laser in dünnen Schichten ausgehärtet. Die Entwicklung, die die sogenannten additiven Fertigungsverfahren seither hingelegt haben, ist rasant. Alleine die Geschichte von Charles Hull und seiner Erfindung entwickelte sich schnell weiter zu einem Multi-Millionen-Dollar-Unternehmen. Auch das passende Gerät, die Hardware, hatte Hull entwickelt und sich patentieren lassen.

Die additive Fertigung gewinnt rasant an Bedeutung. Außer in der Entdeckung immer neuer Einsatzbereiche liegt der Grund für die Ausbreitung der Technologie unter anderem auch in der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung. Die Entwicklung vereinfacht die Einbindung von 3-DDruck in industrielle und logistische Abläufe. Hersteller können so leichter die Möglichkeiten und  Potenziale additiver Fertigung nutzen. Im Endverbraucherbereich zum Beispiel haben Unternehmen bereits damit begonnen, 3-D  Druck und digitale Lieferketten zusammenzuführen, um Massenprodukte zu individualisieren. Die Brillenmarke Yuniku etwa, die vom Linsenherstel1er Hoya zusammen mit dem 3-D-Druck-Spezialisten Materialise entwickelt wurde, bietet kundenindividuell angepasste Brillen. Beim Optiker wird dafür zunächst mittels 3-D-Scanner die Kopfform erfasst, dazu die optimale Position der Linsen ermittelt. Anschließend wählt der Kunde am Computer  sein Wunschdesign aus. Bereits nach wenigen Tagen hält er ein Produkt in der Hand, das perfekt sitzt und ihn beim Sehen optimal unterstützt.

Um eine reibungslos funktionierende digitale Lieferkette zu schaffen, brachte Materialise bei dem Yuniku-Projekt seine Kompetenz im Bereich des 3-D-Druck ein. Darüber hinaus druckt das Unternehmen die Brillenfassungen in seinem  Werk für zertifizierte additive  Fertigung und gewährleistet so hochwertige Ergebnisse. Neben digitalen Lieferketten für Massenprodukte sind industrielle Systeme ein weiterer Bereich, in dem 3-D-Druck zunehmend integriert wird. Siemens und PTC beispielsweise haben bereits Software von Materialise in eigene Lösungen eingebunden. Auf der letzten Hannover-Messe zeigte SAP zusammen mit LEO Lane und Materialise außerdem, wie Hersteller über die SAP Distributed Manufacturing Platform (DIM) durch standardisierte Beschaffungsprozesse leichter Zugang zu 3-D-Druckdienstleistern erhalten.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen ist zu er warten, dass die Zahl additiv gefertigter, eigenschaftsoptimierter Teile in den kommenden Jahren rasant zunehmen wird. Ebenso werden in vielen Anwendungsfeldern die Time-to-Market-Zeiten sinken, auch wird oft eine schnellere und günstigere Ersatzteillogistik möglich sein. Es wird spannend sein zu beobachten, welche Innovationen die wachsende Einbindung additiver Fertigung in Lieferketten mit sich bringen wird. Hört man sich in der Branche um, was der 3D-Druck noch so alles möglich machen soll, scheinen die Chancen unendlich. Es gibt kaum eine Idee, die noch nicht zumindest einmal ausgesprochen worden ist: Essen kann gedruckt werden und der Welthunger wird minimiert. Roboter steigen als funktionsfähige Maschinen aus dem Drucker und drucken ihren nächsten Kollegen. Krankheiten sind kein Problem mehr, denn auch Organe wird man drucken können. Kühne Träume in einer Welt der unzähligen Innovationen.