2. Juli 2018
Denys Sokolow

Über Skandale, Korruption oder Geldwäsche zu schreiben wie es die BILD Zeitung tagtäglich tut, oder von Betrug und Bandenkriminalität selbst betroffen zu sein, das sind schon zwei paar sehr unterschiedliche Schuhe. Und genau mit diesen Vorwürfen, über Jahre von ehemaligen Führungskräften um viele Millionen betrogen worden zu sein, damit muss sich der Hamburger Verlag seit kurzem selbst auseinandersetzen. Nun schreiben andere über das, was der Springer Verlag seit Jahr und Tag zu reißerischen Zwecken in seiner Boulevardpresse zum Besten gibt – Schlagzeilen, die mit Korruption und bandenmäßiger Kriminalität im ganz großen Stil zu tun haben. Die Schadenfreude bei dem ein oder anderen dürfte gewaltig sein…

Der große Name und das gute Renommeé  schützen ein Unternehmen vor Straftaten, sollte man meinen, aber die aktuelle Berichterstattung zum Thema Betrug beim Springer Verlag sprechen eine andere Sprache. Hanns Feigen, einer der bekanntesten Anwälte des Landes, fand deutliche Worte: Der Verlag Axel Springer habe wegen krimineller Strukturen einen Schaden von mehr als zehn Millionen Euro erlitten. In der Anzeige, die Feigen im Auftrag von Springer bei der Berliner Staatsanwaltschaft einreichte, ging es um Untreue, Betrug, Korruptionsdelikte sowie um Steuerstraftaten. Der Strafrechtler, der schon die Wirtschaftsgrößen Wendelin Wiedeking und Uli Hoeneß verteidigt hat, beschreibt in seinem Schriftsatz, wie der ehemalige Springer-Logistikchef Markus Günther  gemeinsam mit externen Dienstleistern das Medienhaus mit Scheinrechnungen ausgenommen hat. Zehn Jahre lang sollen die Delinquenten ihr Unwesen getrieben haben.

Seit 2014 ermittelt die Hauptabteilung Film-Wirtschaftsstrafsachen (Aktenzeichen 242 Js 139/14). Das Landeskriminalamt Berlin befragte zahlreiche Zeugen und durchsuchte Privat- und Geschäftsräume. Noch wurde keine Anklage erhoben. Aber bereicherte sich wirklich nur eine „Bande“ aus Dienstleistern mit Günther als „treibende Kraft“ — wie es die Springer-Anwälte der Sozietät Corinius formulieren? Nach recherchierten Informationen sind die Dimensionen des Falles womöglich größer. Es gibt Hinweise, dass die Affäre bis in den ehemaligen Vorstand reichte. Offenkundig herrschte in der Springer Logistik ein System der Verschleierung und Falschabrechnungen, von dem viele im Konzern wussten. So wurden Geschäftspartner aufgefordert, auf Rechnungen andere Leistungen aufzulisten, als sie erbracht hatten. Ein Grund dafür: Es entstanden Kosten für Vorgänge, die zunächst geheim bleiben sollten — wie der Versuch, einen neuen Vertriebskanal für Zeitungen und Zeitschriften aufzubauen.

Cheflogistiker Günther verhalf Springers Führungspersonal zu diversen Vorteilen: etwa indem er Tickets für die Fußball-WM 2006 besorgte. Es wurden auch private Möbelstücke und Autos transportiert. Zu den Begünstigten gehörte die Springer-Legende Rudolf Knepper. Er saß 17 Jahre lang im Vorstand, zuletzt war er zuständig für Technik, Personal sowie Logistik. 2013 wechselte Knepper in den Aufsichtsrat, aus dem er in diesem Frühjahr ausschied.

„Knepper hat gewusst, dass 2005 im Logistikbereich ein System von schwarzen Kassen eingerichtet wurde“, sagt Günther. Der ehemalige Logistikchefbehauptet, Vorgesetzte hätten ihm geraten, „Dienstleistungen für den Konzern über Scheinrechnungen zu buchen“. Knepper weist die Vorwürfe zurück. Springer lässt ausrichten, es handele sich um „atemberaubende Schutzbehauptungen“ der Täter. Wie aber lässt sich dann erklären, dass die Betrügereien eine Dekade lang der internen Revision entgingen? Wurden die Machenschaften Günthers tatsächlich von niemandem ent- und gedeckt? Vorstands  Chef Mathias Döpfner muss sich zumindest vorwerfen lassen, dass sich derartige Strukturen unter seiner Führung ungestört ausbreiten konnten. Für die Rechnungsprüfung zuständige Mitarbeiter sagen, dass manche Rechnungen unplausibel und möglicherweise manipuliert gewesen seien. Sie hätten die intern als „Vorstandsrechnungen“ bezeichneten Belege trotzdem freigezeichnet, weil sie glaubten, dass Günther die Anweisungen von oben bekam — unter anderem von seinem ehemaligen Chef Karsten Böhrs, gegen den ebenfalls ermittelt wird. Böhrs bestätigt den Sachverhalt auf Anfrage.

Aufgeflogen ist die Causa Günther 2013 durch den Tipp eines internen Whistleblowers. Günther, ein promovierter Betriebswirt, hatte mit der Spedition Yes XPress Ende 2012 Aufträge in Höhe von 1,19 Millionen Euro vereinbart. Der von Günther abgeschlossene Vertrag sah vor, dass die Summe ausgezahlt wird, bevor die Dienstleistungen erbracht wurden. Nach dem internen Hinweis beauftragte der Vorstand die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit einer Prüfung der Vorgänge. Die Fälle, die KPMG in ihrem Bericht „erweiterte Sonderprüfung Kiste“ zusammentrug, reichen zurück bis 2003. Günther wurde im März 2013 fristlos entlassen. Die Gerichte verurteilten ihn in mehreren Prozessen zu Schadensersatzzahlungen, weitere Verfahren gegen ihn und knapp ein Dutzend Dienstleister sind anhängig. Günther hat mittlerweile rund eine Million Euro zurückgezahlt; viel mehr wird Springer bei ihm nicht holen können — der Mann hat Privatinsolvenz angemeldet.

Das Muster, nach dem die Beschuldigten vorgingen, beschreibt ein Spediteur so: Er habe „im Monat meist Rechnungen von 30 000 Euro an Springer geschrieben“ — etwa für Transporte von Zeitungen, die er nicht ausgeffhrt hatte. Das vom Verlag überwiesene Geld habe er an Günther und dessen damalige Ehefrau verteilt. Der Spediteur durfte 2000 bis 3000 Euro als Entschädigung behalten. Das deckt sich mit den Ermittlungsergebnissen, die in dem 98-seitigen Bericht des Landeskriminalamtes vom 20. Oktober 2017 zu lesen sind. Die im Konzern vorgesehenen Regeln zur Rechnungsprüfung habe Günther „umgangen“, schreiben die Corinius-Anwälte. Er habe die zuständigen Mitarbeiter angewiesen, die Prüfungsschritte „durch Abzeichnung mit ihrer Unterschrift vorzuspiegeln“.

Günther sagt, er habe dank des internen Buchungssystems aus dem Vollen schöpfen können. Die Zeitschriften- und Zeitungsgruppen im Verlag hätten einen bestimmten Betrag für die Logistik aufzubringen gehabt. Lagen die tatsächlichen Kosten darunter, ließ er den Überschuss auf zwei Konten mit den Endnummern 98 und 99 überweisen. So war es möglich, diskrete Aktionen zu finanzieren, wie den Versuch, Tausende von Friseuren, die vom Shampoohersteller Wella beliefert van-den, mit Zeitungen und Zeitschriften von Springer zu versorgen. John Pöhlmann, damaliger Chef der VGZ Vertriebsgesellschaft Zeitschriften, plante, dort großflächig Lesezirkelmappen mit Wella-Werbung auf den Umschlagseiten auszulegen.

Pöhlmann verbündete sich 2006 so stellt es sein Anwalt dar — mit Springer Managern. Die Vereinbarung sah vor, dass VGZ in Zusammenarbeit mit Wella die Friseurgeschäfte akquiriert. Die Vorlaufkosten des Projekts sollte der Springer-Verlag tragen, der sich insbesondere in ländlichen Gebieten eine Auflagensteigerung erhoffte. Allerdings sollte erst im Erfolgsfall bekannt werden, dass Springer-Leute das VGZ-Vorhaben unterstützten.

Folglich wurden die Zahlungen an VGZ nicht unter „Wella“ verbucht. Stattdessen entwarf Günther fingierte Rechnungstexte, die von VGZ übernommen wurden. Er ordnete schließlich die Bezahlung an. Springer erklärt, einen Vorstandsbeschluss für den Aufbau eines neuen Lesezirkels habe es nicht gegeben. Nachdem sich die Tests als Flop erwiesen hatten, stellte man das Projekt 2007 ein.

Ob im Großen oder Kleinen: Immer wieder wurde im Logistikbereich getrickst und getäuscht; auch bei der Beschaffung von Karten für die Fußballweltmeisterschaft 2006 über die S&K Verkaufsförderungsgesellschaft. Der Verlag vereinbarte mit S&K ein Kontingent im Wert von 130 367,76 Euro plus Provision und ließ sich dafür, so stellt es Günther dar, Scheinrechnungen ausstellen.

Springer bedachte mit den 48 Tickets unter anderem hochrangige Mitarbeiter. Auch Knepper bekam eine Karte — für das Spiel Brasilien gegen Kroatien in Berlin.

Nachdem Günthers Manöver aufflogen, klagte der Verlag auf Erstattung der Kosten. Günther weigerte sich, er behauptete, Knepper sowie Springer-Manager Marc Schneider (49) hätten die Besorgung mit S&K mitverabredet. Die beiden Herren bestritten diese Darstellung. Mitte April erging das Berufungsurteil des Landesarbeitsgerichts Hamburg. Die Kammerbewertete die Aussagen von Knepper und Schneider „als wenig glaubhaft“ und wies die Klage des Verlags ab.

Ob vor Gericht oder im KPMG-Bericht — stets taucht der Name Knepper auf. So halten die KPMG-Prüfer unter der Überschrift „Themenkomplex Kiste“ fest, dass der damalige Vorstand in mehreren Fällen im Zeitraum Dezember 2009 bis Mitte 2011 Leistungen der Axel Springer AG für private Zwecke in Anspruch genommen habe. Die Kosten beliefen sich auf insgesamt 4294,20 Euro.

Laut Dienstleistern und Ehemaligen ging es etwa um einen Porsche und einen Ferrari, die zu Kneppers Wohnsitz transportiert wurden. Zudem habe man ihm eine Sammlung von Miniaturautos aus der Schweiz angeliefert. Knepper selbst sagte gegenüber dem LKA aus, dass Günther für ihn 2009 den Transport eines Oldtimers von München nach Hamburg organisierte. Er dachte, es habe sich um eine Beiladung gehandelt. Für die Kosten kam Knepper dann erst nach der internen Untersuchung auf. KPMG schreibt, man habe keine weiteren Verfehlungen Kneppers feststellen können. Allerdings berichten die Prüfer unter dem Stichwort Sonderprüfung „Ikarus“, dass der damals stellvertretende Vorstandsvorsitzende und Döpfner-Intimus von dem Scheinrechnungssystem laut Aussagen von Mitarbeitern „Kenntnis“ gehabt haben soll.

Wie dem auch sei — offenbar empfanden einige Springer-Führungskräfte die Inanspruchnahme des Logistikbereichs für private Zwecke als völlig normal. So bekamen CEO Döpfner und Vorstandsmitglied Andreas Wiele bei einer Indien-Reise zwei Tische geschenkt. Die schweren Stücke wurden nach Deutschland gebracht, wo sie dann ein Springer-Spediteur an ihre Bestimmungsorte fuhr: einen Tisch zu Döpfners Haus in Potsdam, der andere wurde zwischengelagert. Für die Kosten wollen die Herren nach eigenem Bekunden selbst aufgekommen sein. Wird gegen Günther tatsächlich Anklage erhoben, droht ihm eine empfindliche Haftstrafe. Doch nicht nur er hat mit Unbill zu rechnen. „Wir verfügen über genügend Belege“, behauptet Günthers Anwalt Thomas Bliwier, „mit denen wir nachweisen werden, dass Springer-Vorstände und anderes Führungspersonal tief in die Betrügereien verstrickt waren.“