31. Mai 2018
Gabriela Litzenburg

Alle großen europäischen Zeitungen vom britischen Guardian über den deutschen Spiegel bis hin zur italienischen La Repubblica titelten es: “Kreml-Kritiker Babchenko wurde in der Ukraine erschossen“. Ohne die Nachricht zu überprüfen hat sich die gesamte westliche Medienlandschaft blamiert und an Vertrauen verloren, nachdem nur 17 Stunden später der Journalist in einer Pressekonferenz des Ukrainischen Geheimdienstes SBU in die Kamera lächelte. Open Media Society-Redakteur Dennys Sokolow versuchte mehrfach bei der Staatsanwaltschaft in Kiew an verlässliche Fakten zu gelangen über den Tod vom Anti-Putin-Journalisten Arkady Babchenko, doch leider vergeblich. Ranghohe Beamte der Staatsanwaltschaft verwiesen mehrfach auf eine Auskunftssperre. Dass es die richtige Entscheidung war, nicht über die Verschwörung zu berichten und damit einer Lüge aufzusatteln war rückblickend wohl die richtige Entscheidung.

Die „Wiederauferstehung“ von Arkady Babchenko, der selbst über Monate hinweg an dieser ukrainischen Verschwörung zur Fälschung seines Todes beteiligt war, hat moskaunahe Nachrichtensender und Online-Aktivisten in ganz Europa erfreut. Diese haben nun endlich eindeutige Beweise für eine „falsche Flagge“ (false flag)-Aktion. Den Gedanken an Medienmanipulation durch einen rivalisierenden Staat, hatten gestern wohl nicht nur die sogenannten Russlandversteher, sondern auch viele neutrale Europäer, die Ihren Nachrichtenorganen blind Vertrauen schenken.

RT, der vom Kreml unterstützte Nachrichtensender, der in Großbritannien und mehren Europäischen Ländern sendet, wandte sich rasch an seine Unterstützer. Die Nachricht über die vermeintliche Lüge sorgte für Spott und für Sorgen von Journalisten, die nun befürchten, dass dieser Vorfall das Vertrauen in die Medien untergraben würde.

Ein britischer, prorussischer Aktivist twittert: „Es ist klar, dass die Öffentlichkeit in den Nato-Staaten schnell an Vertrauen in den Journalismus verliert, den sie von Fernsehen, Radio und Online erfahren“.

Er fügte hinzu: „Von all diesen Organisationen müssen große Entschuldigungen gemacht werden, warum sie ihre Nachrichten ohne Überprüfung von Quellen entgegennehmen, die Russland Schaden zufügen wollen.“

Die RT-Korrespondentin Hanisha Sethi zog Parallelen zu früheren Anlässen, als Moskau beschuldigt wurde, am Tod von Journalisten in der Ukraine beteiligt gewesen zu sein.

„Lassen Sie uns auf andere Vorfälle zurückkommen, in denen Russland in der Vergangenheit fälschlicherweise beschuldigt wurde“, sagte sie und nannte den Tod des ehemaligen russischen Abgeordneten Denis Voronenkov, des pro-russischen Journalisten Olez Bezina und des Reporters Pavel Sheremet. Ihr Kommentar präsentierte in den Augen von Verschwörungstheoretikern und Mainstream-Kritikern, den letzten schlüssigen Beweis für „ein Verhaltensmuster des ukrainischen Staates“.

Russland hat Argumente für MH-17 und das Skripal-Attentat

Ein Russland-Experte aus Kiew, der namentlich nicht genannt werden will, sagte gegenüber der Redaktion: „der Vorfall sei ein enormer Anstoß für das Argument, dass westliche Nachrichtensender Russland um jeden Preis schaden wollten. Pro-Kreml-Organisationen haben nun leichtes Spiel in Fällen wie dem Abschuss von MH17 und der Vergiftung von Sergei und Yulia Skripal in Salisbury. „Das passt gut in russische Hände und stützt die Erzählung, dass diese Handlungen, Provokationen ihrer Gegner sind“, sagte der Professor für russische Studien. „Es ist eine unglaubliche Idiotie seitens der ukrainischen Geheimdienste.“

Kevin Rothrock, ein englischsprachiger Redakteur bei der russischen Nachrichtenseite Meduza, sagte, dass der Fall das Vertrauen in die Berichterstattung über Russland untergrabe: „Indem sie die Medien belügen, haben Babchenko und die ukrainischen Behörden jeden veralbert, der den“ Mord „von gestern gemeldet hat. Ich entschuldige mich bei allen meinen Anhängern für das Zirkulieren, was sich als totaler Unsinn herausstellt. Die Lektion hieraus ist, Berichten aus der Ukraine zu misstrauen. “

Russische Social-Media-Sites wurden schnell mit Häme gefüllt, die Babchenko verspotteten, während RT-Chefredakteurin Margarita Simonyan ein Bild von seiner Pressekonferenz in Kiew mit einer stumpfen Überschrift twitterte, die die Reaktion eines Großteils des russischen Internets zusammenfasste.

Der Trick des ukrainischen Geheimdienstes SBU hat nicht nur die Glaubwürdigkeit in westliche Medien geschädigt, sondern auch gleichzeitig dem russischen Präsidenten Putin ein exzellentes Argument geliefert, weshalb auch der Abschuss der Passagiermaschine MH-17 oder das Skripal-Giftattentat keines Falls auf die Rechnung von Russland gehen – sondern lediglich dazu dienen, seinem Land zu schaden.